London Calling

Brasiliens Fußball boomt – das gilt jenseits abgestandener Klischees um die Seleção. Fast unbemerkt von den Europäern erwächst ernste Konkurrenz um Spitzenspieler im Ligabetrieb.

Gott ist rund – dieser Ausspruch wird gerne dem brasilianischem Volksmund zugeschrieben und soll den fast religiösen Stellenwert des Fußballs im größten Land Südamerikas widerspiegeln.

Umso bemerkenswerter ist es, dass gerade im vielleicht fußballverrücktesten Land auf der Welt die eigenen Fans mit dem Rückhalt großer Bevölkerungsteile anlässlich des Confederation Cups gegen Misswirtschaft und Korruption von Politikern und Sportfunktionären auf die Barrikaden gingen. Im Turnierverlauf konnte die Seleção allerdings durch den Gewinn dieses Vorbereitungsturniers für die WM 2014 wieder Boden gut machen und die Volksseele beruhigen.

Nichts anderes als den Sieg erwartet man im Land auch bei der Finalrunde im nächsten Sommer. Schon ein zweiter Platz würde für Spieler, Trainerstab und Verbandsführung äußerst unangenehm werden.

Abseits von dieser schwierigen Aufgabe für den neuen, alten Nationalcoach Luiz Felipe Scolari, abseits der üblichen Klischees von Samba, Fußball und Copacabana oder schaurigen Horrorgeschichten über enthauptete Schiedsrichter tief im Amazonasgebiet, ist vielen europäischen Beobachtern die bemerkenswerte Entwicklung des brasilianischen Profifußballs verborgen geblieben.

Unterstützt vom gewaltigen Wirtschaftsaufschwung der letzten zehn Jahre, hat sich die Topliga Brasiliens auf Augenhöhe zu den großen europäischen Ligen entwickelt. Spitzenvereine wie Corinthians (São Paulo) und Flamengo (Rio de Janeiro) erwirtschaften bereits jährliche Umsätze von mehr als 100 Millionen Euro. Der allmächtige TV-Sender Globo zahlt beiden Vereinen nur für die Ligaspiele knapp 40 Millionen Euro pro Saison. Eine Summe, von der die meisten europäischen Spitzenklubs nur träumen.

Mit der Eröffnung von modernen Stadien zur WM werden zudem die Einnahmen aus Ticketing, Hospitality und Vermarktung weiter signifikant steigen – und den Vereinen die Möglichkeit bieten, wie schon heute den Spitzenspielern jährliche Nettogehälter von mehr als fünf Millionen Euro zu garantieren.

Seriöse Schätzungen gehen von weltweit bis zu 10.000 brasilianischen Fußballprofis aus. Die schier unglaublich große Anzahl von fußballbesessenen Kindern und Jugendlichen in Brasilien generiert einen nicht versiegenden Zufluss von erstklassigen Profis. Dabei ist es oft nicht die Jugendarbeit der großen Vereine, die diesen qualitativ hochklassigen Nachwuchs hervorbringt, sondern häufig die Armut und der Hunger nach sozialem Aufstieg. Sie spornen die Talente auf ihrem Weg nach oben an.

Erfahrene europäische Scouts sind immer wieder überrascht, mit welcher Härte und Brutalität schon junge Spieler in den Nachwuchsteams von Trainern, Gegnern und Zuschauern konfrontiert werden. Ein 18-jähriger Brasilianer hat schon nahezu alles in seiner jungen Karriere gesehen und kann mit dem Druck des europäischen Vereinsfußballs deshalb oft besser umgehen, als zum Beispiel gleichaltrige Mannschaftskameraden aus dem idyllischen Schwarzwald. Leider werden diese Tugenden oftmals wiederum im Ausland durch Eingewöhnungsschwierigkeiten und Sprachbarrieren abgewertet.

Zwei weitere Unterschiede zu den meisten europäischen Ligen sind ebenfalls bemerkenswert. So ist die brasilianische Liga extrem ausgeglichen. Vor jeder Saison haben fast alle Teams Chancen auf Meisterschaft oder Abstieg - ein Umstand, den die übertragenden TV Sender zu schätzen wissen.

Und auch die brasilianischen Trainer genießen eine besondere Stellung gegenüber den meisten europäischen Kollegen. Fast ausnahmslos sind sie die Spitzenverdiener in ihren Vereinen und stehen im Gehaltsniveau deutlich über den eigenen Topstars. Das könnte möglicherweise ein Anreiz für Pensionäre wie Alex Ferguson oder Jupp Heynckes sein, doch noch einmal für ein paar Jahre den heimischen Garten mit dem Maracanã-Stadion zu tauschen.

Ein genauer Blick auf den Fussball in Brasilien lohnt sich deshalb nicht nur während der nächsten Fifa-Finalrunde, denn vielleicht spielt irgendwann einmal auch der erste deutsche Spitzenspieler im Schatten des Zuckerhuts.

Philipp Grothe ist CEO der Kentaro Group. Der Sportrechtevermarkter arbeitet und lebt in London.

© 2012 Pressebüro JP4

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