Die Rückkehr zum Durchschnitt

Der Erfolg der deutschen Tennisdamen war zu erwarten, doch die Medien feiern den Anbruch eines neuen Zeitalters. Ein Psychologe erklärt den Übertreibungswahn.

Andrea Petkovic

Quelle: Gerolsteiner

Deutschland übernimmt im Damentennis die Führung: Mit Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Angelique Kerber und Julia Görges gehören nun vier deutsche Tennisspielerinnen zu Top 17 der Welt. Der Viertelfinalsieg von Angelique Kerber beim Turnier in Indian Wells vergangene Woche über die French-Open-Siegerin Li Na sorgte für Euphorie: Der „Focus“ sieht die Bremerin bereits „auf den Spuren von Steffi Graf“.

Der Jubel dürfte vor allem für den Deutschen Tennis Bund (DTB) Balsam sein. Aufgrund fehlender Topspieler haben viele Geldgeber und Sponsoren dem Verband den Rücken gekehrt, das Interesse der Medien ging gegen Null. Finanzschwierigkeiten waren die Folge.

Doch nun ist das hiesige Tennis wieder Weltklasse – hat der DTB endlich die richtige Strategie gefunden? Mitnichten. Die Medien verstärken mal wieder ein bedenkliches Phänomen, das den Sport fest im Griff hat. Das kollektive Bewusstsein setzt einen Ausnahmespieler mit dem Zustand des gesamten Sports gleich – beim Deutschen Tennis Bund sind das mal eben 1,5 Millionen Mitglieder.

Ein ähnliches Auf und Ab ist im Ausland zu beobachten: In England steht und fällt mit den Siegen und Niederlagen von Topstar Andy Murray das Selbstbewusstsein der nationalen Tennisszene, das gleiche galt lange Zeit für Andy Roddick in den USA. Die Übertreibung nach oben und nach unten hat schwere Folgen: Sie entscheidet über Sponsoringengagement, Fernsehübertragungszeiten, Fördermöglichkeiten – und damit letztlich über das Schicksal viele Sportler.

Das menschliche Gehirn misst einzelnen Ereignissen mehr Bedeutung zu als der Gesamtansicht

Der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat nun ein Buch veröffentlicht, das diese Verzerrungen bei der Bewertung sportlicher Leistungen erklärt. Ein Grund: Die sogenannte „Regression zum Mittelwert“ ist keine Funktion, die unser Gehirn unterstützt. Wir messen Ereignissen mehr Bedeutung zu als der Gesamtbetrachtung. Ein einziger herausragender Erfolg oder eine einzige vernichtende Niederlage werden zum neuen Maßstab unserer Wahrnehmung – dabei sind das, statistisch gesehen, nur Ausreißer.

Was das im Sportkontext heißt, veranschaulicht Kahneman an einem Beispiel: Ein Golfspieler, der den ersten Turniertag auf einem Par-72-Kurs mit 66 Schlägen abschließt, wird am nächsten Tag mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutend schlechter spielen – selbst wenn er Tiger Woods heißt. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das außerordentliche Ergebnis zu einem großen Teil Sonderfaktoren – oder Glück – zuzuschreiben war.

Das heißt: Die beste Vorhersage für Tag zwei ist ein Wert, der nur unwesentlich über dem Durchschnitt liegt – so belegt es die Statistik. Weil unser Gehirn jedoch aus hervorstechenden Einzelereignissen generalisiert, werden die Zuschauer fast immer von ihrem Star am zweiten Tag enttäuscht.

Das Gleiche gilt im Tennis. Durchforstet man die Berichterstattung, entsteht der Eindruck eines wahrhaften Desasters: Das deutsche Tennis, so schien es, hätten komplizierte Strukturen und Inkompetenz in der Führungsetage an den Rand des Abgrund getrieben. All das ist und war falsch. Statistisch gesehen hatte der deutsche Tennissport in den 90er-Jahren einfach nur eine besonders erfolgreiche Zeit, auf die eine besonders erfolglose Periode folgte.

Deutsche Profis waren in der Weltspitze immer schon stark vertreten

Einen Spieler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten kann sich kein Verband der Welt backen – das ist zum allergrößten Teil purer Zufall. Richtig ist: Deutsche Profis waren schon immer überproportional stark in der Weltspitze vertreten, aber die Erfolgserlebnisse waren nicht spektakulär genug, um einen Umschwung in der öffentlichen Wahrnehmung herbeizuführen. Die Messlatte lag zu hoch: Es fehlte ein Boris Becker, es fehlte eine Steffi Graf. Dabei gab es die Ausreißer nach oben. Bei den Junioren etwa waren die Top Ten jahrelang von Deutschen dominiert – doch die standen nicht im Fokus der Medien.

Auch der gefühlte Niedergang des französischen Fußballs ist ein passendes Beispiel

Das Phänomen lässt sich auf andere Sportarten übertragen: Der französische Fußball fiel nach den beiden Titeln der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1998 und der Europameisterschaft 2000 in ein tiefes Loch. Bei der WM 2002 fuhr die Elf nach der Vorrunde sieglos als Gruppenletzter heim, bei der EM 2004 kam das Aus schon im Viertelfinale.

Statistiker würden sagen: Das war zu erwarten – und im Schnitt hatten die Franzosen über den Acht-Jahres-Zeitraum immer noch sehr gute Ergebnisse eingefahren. Doch für viele Franzosen sind die Kicker heute der Inbegriff des Niedergangs ihrer Grande Nation. Dabei ist, über die letzten 14 Jahre gesehen, das Gegenteil der Fall.

Aus schwankenden Leistungen einen Mittelwert zu ziehen – dazu ist der Mensch kaum fähig. Das gilt im negativen wie im positiven Sinne. So verdeutlicht Kahneman an einem Beispiel aus dem Tennissport, mit welcher Vehemenz Sportfans ihre Helden verteidigen. Sie finden fast immer Gründe, um Ausrutscher zu rechtfertigen – und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen.

Der Psychologe verweist auf eine Studie der Universität von Chicago, die sich beliebig reproduzieren lässt. Forscher gaben Studenten vier mögliche Ergebnisse eines Matches des damals dominierenden Top-Spielers Björn Borg vor:

A. Borg gewinnt das Spiel.

B. Borg verliert den ersten Satz.

C. Borg verliert den ersten Satz, aber gewinnt das Match.

D. Borg gewinnt den ersten Satz, aber verliert das Match.

Die kritischen Vorgaben waren hierbei B und C. Die Wahrscheinlichkeit von B ist höher als die von C, weil sie auch alle Niederlagen von Borg einbezieht. Doch 72 Prozent der Studenten gaben für C eine höhere Wahrscheinlichkeit an – denn eine explizit benannte Niederlage war mit dem schwedischen Superstar einfach nicht zu vereinbaren. Ein Tennisheld, der nach einem Rückstand wieder zurückkommt, gibt einfach eine „bessere Story“ ab, wie Kahneman schreibt – und an solche Geschichten glaubt unser Gehirn nur allzu gerne.

Sollte eine deutsche Tennisspielerin nun plötzlich ein paar Grand-Slam-Turniere gewinnen, werden die Medien Gründe finden, warum die hiesige Nachwuchsförderung dann doch so erfolgreich war. Der Nachteil: Verletzt sich der neue Star, wird der Verband schnell wieder in die Kritik geraten.

All das ist ein überhastetes Spiel mit Emotionen – nur, wer schnell einen Aufschwung oder eine Krise herbeiredet, kann heute Geld verdienen. Das Faszinierende: Unser Gehirn ist darauf gepolt, eben diesen Menschen am meisten Glauben zu schenken.

Jubeln darf der DTB trotzdem – denn dazu hatte er lange keine Grund mehr. Auch wenn der derzeitige Erfolg eher dem Zufall als einer besonders gewieften Förderpolitik zu verdanken ist, so kann er Medien und Geldgebern eine Geschichte verkaufen, die sie ihm auch abnehmen. Zumindest kurzfristig.

Ingmar Höhmann für JP4

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