Drei Sorgenkinder greifen nach Gold

Istanbul, Madrid oder Tokio? In einer Woche entscheidet das IOC über die Olympischen Sommerspiele 2020. Selten war eine Entscheidung so offen.

Quelle: Tokyo 2020 Candidate City

Wenn es um die größte Veranstaltung der Welt geht, sind auch die ungewöhnlichsten Mittel erlaubt: In Madrid nahmen 100 Teilnehmer an einem Zehnkilometerlauf durch das U-Bahn-Netz der spanischen Hauptstadt teil – eine Weltpremiere, betonten die Veranstalter vor einigen Tagen. Superstar 50 Cent ist auf einem Festival in Istanbul aufgetreten, hieß es dagegen diese Woche jubilierend aus der Türkei – und zeitgleich hat die UNESCO die historische Altstadt der Bosporus-Metropole als lobendes Beispiel der Weltkulturerbe-Liste benannt. In Tokio setzte man dagegen ganz seriös auf die große Politik: Der japanische Premierminister Shinzō Abe verkündete, dass er persönlich die Olympia-Delegation anführen wird, die in der kommenden Woche nach Buenos Aires reist.

In der argentinischen Hauptstadt geht es für die drei Weltmetropolen auf die Zielgerade eines langen, anstrengenden und kostspieligen Laufs – und es zählt nur die Goldmedaille: Bei der 125. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewinnt einer der Kandidaten am 7. September die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2020. Die anderen Delegationen werden enttäuscht in ihre Heimat zurückkehren, Silber und Bronze sind bei diesem Wettkampf wertlos.

Eine Woche bleibt den Teams von Istanbul, Madrid und Tokio also noch, um sich der Welt und besonders dem IOC von ihrer allerbesten Seite zu präsentieren. Für wen sich die Anstrengungen letztlich lohnen werden, ist völlig ungewiss. „Normalerweise sind sich die IOC-Mitglieder schon früh sicher, für wen sie stimmen werden“, sagt Michael Payne, der in den 80er- und 90er-Jahren die globale Vermarktung des IOC neu aufgestellt hat. „In diesem Jahr wird es auf die letzten drei Tage ankommen, vielleicht machen sogar die Abschlusspräsentationen vor der Wahl den Unterschied.“

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Es könnte also schließlich auf eine 45-minütige Vorstellung ankommen – angesichts des bereits seit 2011 dauernden Bewerbungsprozesses und einer noch viel länger dauernden individuellen Vorbereitungszeit in den Städten und Ländern lächerlich wenig Zeit. Trotzdem könnte diese Präsentation am 7. September die Wahl des Gremiums entscheiden.

Warum das Rennen so eng ist, zeigt ein Blick in den umfangreichen Evaluierungsreport des IOC: Alle drei Bewerber sind fit für die Spiele – und präsentieren dennoch ihre Achillesferse. „Das sind technisch drei gute Bewerbungen, alle mit einer ganz eigenen Idee für die Spiele“, sagt Payne, „aber jeder der Kandidaten hat auch sein Päckchen zu tragen.“

Olympia als Konjunkturprogramm

Madrid etwa zieht schon zum dritten Mal in Folge in das Rennen um die Sommerspiele. Bei der Vergabe für die Sommerspiele 2012 landete Madrid in einer engen Abstimmung auf dem dritten Platz, bei der Vergabe für 2016 unterlagen die Spanier erst in der dritten Runde dem Sieger Rio de Janeiro – dieses Jahr könnte es also endlich klappen. „Spanien hat 1992 bewiesen, dass sie gute Olympische Spiele ausrichten können“, sagt Wolfgang Maennig, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hamburg und Goldmedaillengewinner im Rudern bei den Olympischen Spielen 1988.

„Illuminate the Future“ – „Erleuchtet die Zukunft” – hat das nationale Komitee die Bewerbung überschrieben und verknüpft damit die Hoffnung, dass die Olympischen Spiele dem Land helfen, die am Boden liegende Wirtschaft zu stimulieren und die Jugendarbeitslosigkeit zu senken. Das Problem: „Solche Effekte lassen sich ex-post bislang fast nicht nachweisen“, sagt Sportökonom Maennig, der die wirtschaftlichen Auswirkungen zahlreicher Sommer- und Winterspiele analysiert hat. Zudem sind Olympische Spiele mit hohen Ausgaben verbunden – ob Spaniens Wirtschaft derzeit in der Lage ist, sie zu tragen, ist unklar. Auch die Evaluierungskommission ist trotz aller Versprechen skeptisch und spricht im Bericht von „einigen Risiken, die mit dem Zustand der spanischen Wirtschaft” verknüpft sind.

Boomstimmung am Bosporus

Die Wirtschaftsleistung ist eher ein Argument für die Bewerbung von Istanbul, die mit eindrucksvollen Zahlen auftrumpft. Investitionen in Höhe von fast 17 Milliarden US-Dollar verspricht das nationale Komitee – die 13 Millionen-Einwohner-Metropole soll kräftig umgekrempelt werden, bevor die Athleten kommen. „Hier wären ganz sicher die deutlichsten Impulse für die Stadtentwicklung zu erwarten“, sagt Maennig. Doch mit den Zahlen lässt sich leicht angeben: Hinter der enormen Summe stecken nämlich zum überwiegenden Teil Investitionen, die in jedem Fall geleistet werden – darunter zahlreiche Straßenbauprojekte, die den Verkehrsfluss verbessern sollen. Die Wettkämpfe wären dafür zwar ein willkommener Katalysator, das Hauptziel der Türkei ist aber es, drei Jahre später herausgeputzt dazustehen – 2023 will das Land mit viel Pomp das 100-jährige Jubiläum der Staatsgründung feiern.

Quelle: Tokyo 2020 Candidate City

Prestigeträchtige wäre das Event aber in jedem Fall für die Stadt der zwei Kontinente. Begeisterung und Selbstbewusstsein sind jetzt schon goldwürdig. „Istanbul ist eine weltoffene Metropole und das wirtschaftliche Zentrum eines Landes, das wie kaum ein anderes wächst. Unser junges und sportbegeistertes Land ist bekannt für seine Gastfreundlichkeit und Toleranz – dies sind ideale Voraussetzungen, um dem olympischen Geist im Jahr 2020 eine Heimat zu geben“, sagt Temel Kotil, CEO von Turkish Airlines, dem Wall Street Journal Deutschland. Die Fluggesellschaft, die zu 49 Prozent in Staatsbesitz ist, sponsort die Bewerbung Istanbuls. Von einem Zuschlag ist Kotil überzeugt: „Wir sind zuversichtlich, dass sich das IOC für Istanbul entscheiden wird.“

Damit war er lange nicht allein. Die Stadt am Bosporus galt schon als der sichere Sieger. „Es ist an der Zeit, die Olympischen Spiele in diese Region zu bringen, es wäre sicherlich eine spektakuläre Veranstaltung“, schwärmt auch der ehemalige IOC-Lobbyist Payne über einen Wettkampf auf zwei Kontinenten. Deutlich gehemmt wurde die Euphorie jedoch durch die brutal niedergeschlagenen Proteste gegen die Demonstranten in diesem Frühsommer. Die Bilder des in Tränengas gehüllten Taksim-Platzes gingen um die Welt. „Das hat sicherlich Sympathien gekostet – vielleicht auch unter den IOC-Mitgliedern“, sagt Maennig. Dass der türkische EU-Minister vor zwei Wochen den Demonstranten die Schuld für eine mögliche Niederlage im Rennen um Olympia 2020 zuwies, sorgte für weitere Irritationen.

Musterschüler mit Macken

Möglicher Profiteuer dieser Unruhen könnte die japanische Bewerbung sein. Im Vergleich der drei Kandidatenstädte lag hier zwar im Januar die Zustimmung in der Bevölkerung am niedrigsten und immer wieder sorgten Meldungen über austretende Radioaktivität für Unruhe, Spätfolgen der Zerstörung eines Kernkraftwerkes durch einen Tsunami 2011 im 250 Kilometer entfernten Fukushima. In einer jüngst veröffentlichten Umfrage verweist das Komitee jedoch stolz auf 92 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung.

Mit Blick auf die Zukunft ist die kränkelnde Wirtschaft und die enorme Überschuldung des Landes ein Sorgenthema. Geht es um Olympia, gibt Tokio aber finanziell den Musterschüler: Knapp 4,5 Milliarden US-Dollar will die japanische Hauptstadt locker machen, um die Infrastruktur der Metropole für das Event auf Vordermann zu bringen. Dieses Geld ist bereits seit der letzten Bewerbung Tokios für die Spiele 2016 in einem Fonds geparkt und könnte sofort abgerufen werden. Das reduziere „erheblich das Risiko, das normalerweise bei der Bereitstellung der nötigen Infrastruktur für die Spiele durch die Regierung“ bestehe, heißt es lobend im Evaluierungsbericht des IOC – eine der wenigen Stellen in dem 110-seitigen Dokument, an denen sich die Kommission ein deutliches Urteil erlaubt.

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Jeweils eine knappe Woche verbrachte das 14-köpfige Team im Frühjahr in jeder der Kandidatenstädte und sammelte Fakten, Zahlen – und vor allem Stimmungen. Die nüchterne Sprache des Reports verbirgt daher an einigen Stellen mehr als sie verrät. „Es reicht nicht, den Text mehrfach zu lesen, man müsste schon zwischen den Zeilen lesen“, sagt Wolfgang Maennig. Ob tatsächlich alle, die abstimmen, den Bericht überhaupt gelesen haben, bezweifelt der Wissenschaftler. „Die Mitglieder der Kommission erläutern den Bericht im Gespräch ihren Kollegen.“

Zahlen zählen kaum

Geht es um die Zahlen, sind die Japaner also im Vorteil – zumal sie nach den Spielen von London und Rio auch in der Zeitzone lägen, die informell an der Reihe wäre. GamesBids etwa, eine Internetseite mit dem Schwerpunkt Olympische Spiele, bildet seit einigen Jahren die Favoriten in einem Index ab. In diesem „BidIndex“ fließen Informationen aus dem Bewerbungsprozess, aus Abstimmungen in den Nationalen Olympischen Komitees und Nachrichten, die die Kandidatenstädte und -länder betreffen, mit ein. Wie sich der Algorithmus genau zusammensetzt, ist geheim – bei den letzten beiden Entscheidungen (Winter 2018 im südkoreanischen Pyeongchang und Sommer 2016 in Rio de Janeiro) hatte der Index den Sieger korrekt vorausgesagt. Seit Ende Mai führt Tokio den aktuellen Index an, mit knappem Abstand gefolgt von Istanbul, Madrid ist mit etwas Rückstand auf Platz drei.

Was in einer Woche in Buenos Aires dann aber letztendlich den Ausschlag geben wird, ist unklar. Auch ein Kandidat mit wackeligen Zahlen kann zum Sieger gekürt werden. „Die wirtschaftlichen Gesichtspunkte haben sehr, sehr selten den Ausschlag bei der Entscheidung gegeben“, sagt Payne. Immer wieder sorgten klare Worte der jeweiligen IOC-Präsidenten für ein deutliches Votum – dass die Sommerspiele 1992 etwa nach Barcelona gingen, ist eng mit der damaligen Präsidentschaft des Katalanen Juan Antonio Samaranch verknüpft.

Vor dieser Session jedoch hält sich das Spitzenpersonal auffällig zurück. Der scheidende Präsident Jacques Rogge hatte sich lange Zeit für eine afrikanische Olympiade stark gemacht. Von dem Kontinent hatte sich jedoch keine Stadt beworben. Ansonsten hat Rogge zumindest öffentlich nicht Position bezogen. Und von den vielversprechendsten Kandidaten für seine Nachfolge, die ebenfalls auf der Sitzung in Buenos Aires entschieden wird, gibt es aus wahltaktischen Gründen keine Empfehlung – jedes Wohlwollen aus einem Lager dürfte einen Stimmverlust an anderer Stelle zur Folge haben. So fehlt den 103 stimmberechtigten IOC-Mitgliedern ein gewohnter Orientierungspunkt. „Für eine klarere Positionierung wären einige IOC-Mitglieder vielleicht sogar dankbar“, vermutet Sportökonom Maennig.

Manuel Heckel für das Wall Street Journal Deutschland

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