Kühnes Pläne mit dem HSV

Alles neu beim HSV? Die Initiative „HSV Plus“ wirbt für Reformen und entwirft ein Investoren-Modell. Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne stünde bereit.

Mit Erfolg kennt sich Klaus-Michael Kühne aus. Sein Logistikkonzern Kühne + Nagel hat dem Hamburger ein Vermögen von knapp acht Milliarden Euro eingebracht. Das bedeutet für den 76-Jährigen laut Forbes-Liste Platz acht in Deutschland. Als Unternehmer kann er damit zufrieden sein. Als Fußballfan erwartet er von seinem Klub eine bessere Platzierung.

Quelle: Kühne + Nagel

Kühne ist glühender Anhänger des Hamburger Sport-Vereins, „von Kindesbeinen an“, wie er sagt. Zwar ist der Klub als einziger seit Gründung der Bundesliga in der obersten Spielklasse dabei. Doch die Glanzzeiten liegen Jahrzehnte zurück. 1983 wurde der HSV zum letzten Mal Meister und siegte im gleichen Jahr beim Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League. In der vergangenen Saison schrammte der Klub als Bundesliga-Siebter erneut an der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb vorbei.

In Sehnsucht nach alter Größe ist Kühne beim HSV nicht abgeneigt, entscheidend einzugreifen. Nachdem er schon einige Transfers mitgestemmt hat, stellt der Unternehmer jetzt weiteres Geld in Aussicht, mit dem der klamme Klub wieder zu einer Top-Adresse im deutschen Fußball werden soll. Allerdings müsse der HSV dazu nach den Regeln der Wirtschaft spielen und seine Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft auslagern, die sich auch Investoren öffnet. Nur dann könne Geld fließen. Und Kühne will nicht der alleinige Zahlmeister sein.

„Ich wäre grundsätzlich bereit, Anteile an einer ausgegliederten Profi-Abteilung des HSV zu übernehmen, sofern die Rahmenbedingungen akzeptabel sind und ich mich in guter Gesellschaft mit anderen Investoren befinde“, sagte Kühne auf Anfrage dem Wall Street Journal Deutschland.

Das Feld wird den willigen Investoren gerade bereitet: HSV-Reformer, angeführt vom Ex-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff, suchen in diesen Tagen Unterstützer für die Idee einer Ausgliederung der Profiabteilung aus dem eingetragenen Verein – ein Schritt, den Klubs wie Bayern München und Borussia Dortmund schon vor Jahren gemacht haben. Die Initiative „HSV Plus“, die Anfang des Monats präsentiert wurde und im Januar auf der Mitgliederversammlung diskutiert werden soll, will über Strukturreformen die HSV-Bundesligakicker mit frischem Kapital ausstatten.

HSV-Reformer wollen AG für den Profifußball gründen

„Mit vorhandenen Strukturen kommen wir nicht mehr vom Fleck“, schreibt Rieckhoff in seinem Konzept. Eine weitere Verschuldung mit Zinsen und Rückzahlung verbiete sich, bedeutendes Spielervermögen stehe auch nicht mehr zur Verfügung, so die Diagnose. „Die Umkehr funktioniert nur mit einer Öffnung für kostenloses Geld von strategischen Partnern in einer ausgegliederten HSV Fußball AG.“ Die nötige Satzungsänderung würde 75 Prozent der Mitgliederstimmen erfordern – eine hohe Hürde.

© Dow Jones News GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Dass Kühne ein heißer Kandidat auf einen Einstieg wäre, weiß auch Rieckhoff. In welcher Größenordnung Fremdkapital fließen soll, kam bisher jedoch nicht zur Sprache. Bis knapp 25 Prozent der Anteile, so Rieckhoff, sollen nach den ersten Plänen allein per Vorstandsentscheidung veräußert werden können. Doch auch ein Verkauf von mehr als 25 Prozent der AG-Anteile sei drin – allerdings nur, wenn die Mitgliederversammlung des e.V. zustimme. „Zudem wird die 50+1 Regel in der Satzung des e.V. festgeschrieben. Das ist ein Mitglieder-Veto gegen ungewollte Fremdbestimmung“, versucht Rieckhoff Kritiker der angestrebten Öffnung zu besänftigen.

Klaus-Michael Kühne wird im Interview konkreter: „Die Größenordnung des Einstiegs hängt von der Bewertung der Gesellschaft ab, an der ich mich beteiligen soll; es gibt hierfür nur wenig Ansatzpunkte. Soweit bis zu 49 Prozent der Anteile an einer solchen Gesellschaft zur Disposition stehen, würde ich einen 10- bis 20-prozentigen Anteil ins Auge fassen.“ Der Logistik-Unternehmer bevorzugt allerdings ein ausgewogenes Team von Geldgebern: „Mir wären fünf Aktionäre mit jeweils 9,9 Prozent lieber als ein größerer Aktionär und mehrere kleinere. Im Übrigen wiederhole ich meine Empfehlung, dass auch den Mitgliedern und Fans des Vereins Gelegenheit gegeben wird – und sei es nur in bescheidenem Umfang – Anteile an einer HSV-Profi-Gesellschaft zu übernehmen.“

Hannover, Augsburg und Hoffenheim als Vorreiter

Mit dem HSV könnte sich die Zahl der Bundesligaklubs weiter erhöhen, die ihren sportlichen Aufschwung auch dem Einsatz eines erfolgreichen Unternehmers verdanken. Mit dem Hörgeräte-Impresario Martin Kind als Präsidenten und Anteilseigner gelang Hannover 96 nach wirtschaftlicher und sportlicher Krise der Turnaround. Er holte weitere Männer der regionalen Wirtschaft als langfristige Investoren ins Boot, etwa Drogerieketten-Chef Dirk Roßmann und den früheren Textilunternehmer Detlev Meyer. SAP-Mitgründer Dietmar Hopp führte seinen Heimatklub 1899 Hoffenheim von der Kreisklasse in die Bundesliga. Der Textil-Unternehmer Walther Seinsch brachte als Präsident und Investor beim vor der Pleite stehenden Viertligisten FC Augsburg die Wende – auch am Bau des neuen Stadions beteiligte er sich.

In Hannover, Hoffenheim und Augsburg sind die Profiabteilungen längst Kapitalgesellschaften. Und die Investoren eint: Für sie ist der Einstieg ein langfristiges Projekt. Auch Newcomer versuchen es nach dem Hoffenheimer Modell, den sportlichen Erfolg mit einer ordentlichen Dosis Wirtschaftspower zu erzielen: Der österreichische Unternehmer Dietrich Mateschitz will Leipzig als Werbevehikel in den sichtbaren Bereich des Profifußballs führen. Und auch in Köln strebt Investor Franz-Josef Wernze als erfolgreicher Unternehmer  nach Aufstiegen im Fußball-Geschäft. Normalität ist das imageträchtige Nebengeschäft Fußball schon für die Unternehmen Volkswagen und Bayer, deren Fußballtöchter in Wolfsburg und Leverkusen in der Bundesliga mitspielen. Ebenso wie Adidas und Audi, die jeweils gut neun Prozent an der FC Bayern München AG halten. Audi zahlte dafür 90 Millionen Euro.

Ob der HSV ähnlich hohe Summen einspielen kann wie die Münchener Marktführer, ist fraglich. Das wirtschaftliche Umfeld zumindest ist vielversprechend.

Hamburger Millionäre suchen den Kick

Quelle: Hamburger Sport-Verein

Hamburg wäre ein denkbar gutes Pflaster, um potente Lokalgrößen aus der Wirtschaft hinter den Traditionsklub zu bekommen, sagt Philipp Grothe, Chef des Londoner Sportrechtevermarkters Kentaro und intimer Kenner des HSV. „Es ist die Stadt der wohlhabenden Pfeffersäcke, ein Hort für Mäzenatentum, was im Kulturbereich ja bereits eine lange Tradition hat“, sagt er. Grothe, der auch international Investoren im Fußball berät, beobachtet, wie sich der Fußball als Boombranche auch in Deutschland immer neue Freunde macht: „In den Kreisen des Geldadels und der Wirtschaftselite ist der Fußball salonfähig. Hinzu kommt, dass die Suche nach alternativen Kapitalanlagen zunimmt, da sich viele Vermögende von der Börse und den immer schlechter verzinsten Unternehmensanleihen verabschieden“, sagt Grothe. „Der Fußball verspricht noch knackige Renditen.“

Spätestens mit dem Triple-Gewinn des FC Bayern München in diesem Frühjahr sei der Fußball omnipräsent. „Jede Oma hat das mitbekommen.“ Unter vielen Millionären habe der Fußball eine neue Leidenschaft geweckt. „Der normale Multimillionär fuhr früher nach Baden-Baden zum Pferderennen oder mit seinem Boot zur Kieler Woche. Jetzt sitzt er auch begeistert im Stadion“, sagt Grothe.

Genau dieses Szenario – erst recht, wenn aus dem reichen Zuschauer ein Anteilseigner mit Mitspracherecht wird, ist für viele Fans an der Basis eine abschreckende Vorstellung. Christian Reichert macht aus seiner Skepsis gegenüber den Umkremplern und Gönnern kein Geheimnis: „Ich erkenne erstens nicht die angeblichen Schwächen der gegenwärtigen Vereinsstruktur und zweitens nicht die Notwendigkeit, eine Kapitalgesellschaft auszugliedern“, sagt der 49-Jährige, der rund acht Jahre lang im HSV-Vorstand saß und heute als stellvertretender Leiter der Abteilung „fördernde Mitglieder“ wirkt.

Der Einfluss der Mitglieder, der heute beim HSV allein per Satzung viel größer ist als bei anderen Bundesligisten, werde im „HSV Plus“-Konzept nicht mehr ausreichend gewährleistet, kritisiert Reichert. „Mir hat noch niemand erklären können, an welcher Stelle konkret der Einfluss der HSV-Mitglieder einmal etwas behindert hätte“, sagt Reichert im Gespräch mit dem Wall Street Journal Deutschland. Die Verantwortlichen – ob auf dem Platz oder in der Geschäftsstelle – müssten lediglich „alle hart arbeiten – dann kommt der Erfolg, egal in welcher Klubstruktur“. HSV-Kenner Grothe stimmt dem prinzipiell zu: „Es geht immer um die handelnden Personen.“

HSV-Mitgliedervertreter ist skeptisch gegenüber externen Geldgebern

Reichert ist nüchterner Realist und Idealist in einer Person. Der Realist in ihm sagt: „Wenn wir im Januar Tabellenführer sind, hat das ´HSV Plus´-Konzept keine Chance. Sind wir Letzter, kommt es sicher durch.“ Doch als Fan stemmt er sich gegen die Meinung, ohne weitere Kapitalinjektionen von Dritten könne der HSV nicht wettbewerbsfähig kicken. „Ich will, dass die getätigten Ausgaben im Fußball auch aus dem Fußball stammen – und nicht aus Erdölgeschäften oder Ähnlichem. Und wenn ich die Hoffnung aufgeben würde, dass es die Verantwortlichen in Europa und Deutschland wirklich ernst meinen mit Financial Fair Play, dann wäre es das gewesen mit mir und dem Fußball. Dann gehe ich lieber in den Zirkus.“

Die angestrebte Strukturreform kurz erklärt im Video (Quelle: HSVPlus): 

Die Skepsis gegenüber Investoren, die bei Fußballfans häufig herrscht, kann Martin Stopper nicht teilen. „Viele von ihnen machen aus Leidenschaft mit“, sagt der auf Sportrecht spezialisierte Münchener Anwalt. Er schlägt ein einfaches Instrument vor, um die Ernsthaftigkeit sicherzustellen. „Das Wichtigste sind Haltefristen, die ein kurzfristiges Wiederverkaufen von großen Anteilen verhindern. Denkbar sind zehn Jahre, bei Mehrheitanteilen zwanzig Jahre.“ Auch 96-Präsident Martin Kind sprach sich unlängst für langjährige Haltefristen aus. „Für einen Spekulanten ist das problematisch, für einen Gestalter nicht“, sagt Stopper. Weiterer Vorteil: „So eine Regelung läuft auch weniger Gefahr, mit den deutschen oder europäischen Wirtschaftsgesetzen, etwa dem Kartellrecht, in Konflikt zu geraten.“

Denn so beruhigend die 50+1-Klausel auf manchen Fan wirkt: Sie ist juristisch fragwürdig. Die 50+1-Regelung legt bislang fest, dass Investoren im deutschen Fußball keine Stimmenmehrheit erlangen dürfen. „Die Bundesliga bietet ein verzerrtes Abbild der Realität“, sagt Stopper. „Die freie Wirtschaft folgt dem Grundprinzip, dass Besitzanteile die Mitspracherechte in einem Unternehmen wiedergeben. Nur der deutsche Fußball macht das nicht. Die Folge sind Konflikte, wie es sie jetzt beispielsweise bei 1860 München gibt.“

Experte: „50+1-Regel hat zur Erstarrung geführt“

Beim Münchener Zweitligisten hält der Jordanier Hasan Ismaik zwar 60 Prozent der Anteile – doch nur 49 Prozent sind stimmberechtigt. Immer wieder geraten Präsidium und Investor aneinander, wenn es um sportliche oder wirtschaftliche Entscheidungen geht. In der Praxis lässt sich kaum verhindern, dass ein Investor, der sich finanziell stark einsetzt, seinen Einfluss auch geltend macht.

Experten sagen hinter vorgehaltener Hand, der ortsfremde Investor Ismaik habe vollkommen verkannt, dass ihm die Anteilsmehrheit bei 1860 nicht auch automatisch zum Boss gemacht habe. Kentaro-Chef Grothe sieht die sich anschließenden Querelen beim Zweitligisten als „Wasser auf die Mühlen der 50+1-Dogmatiker, die vor dem Einfluss fremder Investoren warnen“. Die positiven Gegenbeispiele wie in Hannover, wo „mit viel Wirtschaftssachverstand Substanz geschaffen“ worden sei, könnten hingegen als Blaupause für Investorenmodelle im deutschen Fußball dienen.

Rechtsexperte Stopper sieht die Liga-Verantwortlichen in der Pflicht. „Die Absicht, den Fußball nicht als Spekulationsware feilzubieten, ist gut und wichtig für den Profifußball“, sagt er. „Aber das Korsett, das mit der 50+1-Regel von der Liga geschaffen wurde, hat zu einer Erstarrung geführt. Das muss renoviert werden.“ Das Regelwerk müsse die verhältnismäßigen Mittel bereitstellen, um Spekulanten abzuschrecken. „Das tut 50+1 nicht“, sagt Stopper. „Die Deutsche Fußball Liga muss hier proaktiv bleiben – sie muss den Zug ziehen und nicht schieben.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

Kommentare (1)

Kommentar hinterlassen


× acht = 8

© 2012 Pressebüro JP4

Nach oben scrollen