Kehrseite der Königsklasse

Parallel zum Start der Champions League nimmt die Gerechtigkeitsdebatte Tempo auf. Droht jetzt Sozialismus? Oder nur die große Langeweile?

Foto: mer

Als der Spielermarkt heiß lief, stutzte selbst Jürgen Klopp. “Die Summen sind verrückt”, sagte der Trainer von Borussia Dortmund Anfang September bei einem Werbetermin für Sponsor Opel, das Transferfenster war gerade geschlossen. Vor allem englische Klubs hatten noch einmal groß eingekauft. Rund eine dreiviertel Milliarde Euro gaben sie laut “transfermarkt.de” im Sommer für Verstärkungen ihres Kaders aus. “Da wurden am letzten Tag Riesensummen umgesetzt”, staunte Klopp. “80 Prozent der Spieler kenne ich gar nicht.”

Auch der Revierklub hatte einiges Geld hin und her geschoben. Erst kassierte der BVB von Bayern München 37 Millionen Euro Ablöse für das eigene Supertalent Mario Götze. Kurz darauf überwies Dortmund 27,5 Millionen Euro an Schachtjor Donezk, um den armenischen Star Henrich Mchitarjan zu verpflichten. Natürlich weiß Klopp, was den internationalen Kaufrausch befeuert: “Wer in der Champions League dabei ist, der kriegt einen Haufen Geld.”

Der BVB kann auch in diesem Jahr die Finanzspritze vom Champions-League-Veranstalter Uefa fest einplanen. Vielleicht werden es wieder 55 Millionen Euro, die Dortmund in der letzten Saison als Finalist verbuchte. Doch selbst ein Ausscheiden in der Vorrunde würde um die 20 Millionen Euro an Prämien bringen. Hinzu kommen noch einmal mehrere Millionen durch Ticketverkauf und zusätzliche Sponsoringeinnahmen.

Wer dabei ist, hat 15 bis 20 Millionen Euro sicher – ganz gemütlich

Insgesamt baden 32 Teilnehmer der Endrunde, die jetzt startet und am 24. Mai 2014 mit dem Finale in Lissabon endet, im Geldtopf der Uefa. Erstmals seit langer Zeit schickt die Bundesliga wieder vier Klubs ins größte finanzielle Wellness-Center des Klubsfußballs: Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Schalke 04. Auch Leverkusens Klubchef Wolfgang Holzhäuser behagen die Zusatzeinnahmen von mindestens 15 bis 20 Millionen Euro. “Das ist auch ganz gemütlich.”

Quelle: obs / Stage Entertainment Berlin

Zwar hat Uefa-Präsident Michel Platini erkannt, dass ein Umsteuern der oft riskanten Klubfinanzierung dringend geboten ist. Das von ihm angeregte Financial Fairplay soll Europas Vereine zu wirtschaftlicher Vernunft zwingen. Gleichzeitig setzt sein Turbowettbewerb Champions League immer fettere Anreize für Hasardeure.

Dabei sein ist alles. “Die Geister, die ich rief, werd´ ich nicht mehr los”, kommentiert Philipp Grothe, Chef der Sportrechtevermarktung Kentaro den eingeschlagenen Wachstumskurs. “Die zentral vermarktete Champions League entwickelt sich zu einer Cash-Maschine für die Klubs und auch für die Uefa selbst”, sagt Grothe.

„Die größte Wettbewerbsverzerrung für die Bundesliga“

1,34 Milliarden Euro Bruttoeinnahmen erwartet die Uefa in dieser Saison aus der Champions League – rund 900 dürften wieder ausgeschüttet werden. Nicht nur in der Bundesliga entfernen sich die regelmäßigen Champions-League-Teilnehmer unaufhaltsam vom Rest der nationalen Konkurrenten: “Das Auseinanderdriften verläuft exponentiell”, sagt der auf Sportrechte spezialisierte Münchener Anwalt Martin Stopper. “Wer finanziell mit so großem Abstand im Vorteil ist, befindet sich in einer sich selbst vermehrenden Zinseszins-Lage.” Zwar würden auch andere vermeintliche Wettbewerbsverzerrungen wie die Eigenvermarktung im Sponsoring geduldet. Bei neutraler Betrachtung lautet sein Urteil: “Die Zahlungen aus der Champions League sind zurzeit die größte Wettbewerbsverzerrung für die Bundesliga.”

Schritt für Schritt hat die Uefa die finanzielle Bedeutung der Champions League gestärkt – und verfestigt so die Zwei-Klassen-Gesellschaft in den nationalen Ligen. Noch vor 15 Jahren gab es drei finanziell ungefähr ausgewogene Wettbewerbe in Europa: den Uefa-Cup, den Pokal der Landesmeister und den Pokal der Pokalsieger. “Was dann geschah, kann man als Protektion der Champions League bezeichnen”, sagt Kentaro-Chef Grothe. “Der Pokal der Pokalsieger wurde abgeschafft, der Uefa-Cup als Europa League systematisch entwertet – durch verhältnismäßig kleine Prämien und unattraktive Anstoßzeiten.”

Lieber gar kein Europa, als Europa-League

Grothe findet den Begriff “Cup der Verlierer”, den Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer Mitte der 90er-Jahre prägte, heute umso treffender. “Wer hier aus den großen Fußballligen spielt, verdient erst ab dem Erreichen des Viertel- oder Halbfinals. Andere Klubs zahlen sogar drauf, wegen der hohen Reisekosten und Prämien für die Spieler”, sagt Grothe. Während Klubchefs aus kleineren und mittelgroßen Ländern die Europa League durchaus attraktiv fänden, sei der Wettbewerb in Ländern wie England, Spanien oder Italien nicht allzu populär. „So mancher Verantwortliche ist deshalb über eine Nichtqualifikation nicht allzu enttäuscht“, sagt Grothe. Motto: Lieber gar kein Europa, als Europa-League.

Quelle: obs / Sky Deutschland

Obwohl er in diesem Jahr selbst in der Königsklasse dabei ist, fordert Peter Peters, Finanzvorstand von Schalke 04 und Liga-Vizepräsident, von der Uefa einen neuen Verteilerschlüssel für die Europacup-Wettbewerbe. “Es muss einen wirtschaftlichen Unterschied zwischen Champions League und Europa League geben – aber nicht im Verhältnis 5:1, sondern eher 3:1”, sagte Peters der “Sport Bild”. Während in der Champions League 905 Millionen Euro an die 32 Endrunden-Teilnehmer ausgeschüttet wurden, mussten sich 56 Klubs die Gruppenphasen-Prämie von 209 Millionen Euro teilen. Dieser Verteilschlüssel ist in einem Dreijahreszyklus festgelegt, der 2015 endet.

Der wirtschaftliche Abstand zwischen der Champions League und der Europa League habe zur Folge, “dass Vereine, die zwischen beiden Wettbewerben hin und her pendeln, hohe Risiken gehen müssen, weil sie eine wettbewerbsfähige Mannschaft brauchen, aber nicht wissen, in welchem Wettbewerb sie spielen“, sagt Peters.

Erst in letzter Minute glückte Schalke im Play-Off-Spiel gegen Saloniki die Qualifikation für die Königsklasse. Kurz darauf verpflichtete Schalke Top-Spieler Kevin-Prince Boateng vom AC Mailand – zehn bis zwölf Millionen Euro soll die Ablöse betragen haben.

Auch Heribert Bruchhagen, Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, hat jüngst eine Reform der Verteilschlüssels auf Ebene der Uefa angeregt, wohl wissend, dass er damit Kritik der Begünstigten auf sich ziehen würde. Es könne nicht weitergehen wie bisher, weil die zunehmende finanzielle Spreizung die nationalen Meisterschaften uninteressant mache. “Sozialismus”, polterte postwendend Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München.

Der Solidarfonds des DFB ist Vergangenheit

Dabei bestehen Anknüpfungspunkte. “In den 90er Jahren gab es einen Solidarfonds des DFB für Europapokalspiele”, sagt Sportrechtler Stopper. “Da wurden 20 bis 30 Prozent der Europapokalgelder eingesammelt und an die Nichtteilnehmer der Liga verteilt. Das war in den Zeiten, als der DFB noch selbst für die Vermarktung zuständig war.”

Philipp Grothe stärkt Bruchhagen in der Debatte den Rücken: “Die Spitze muss breiter werden, das käme dem Fußball zugute. Zwar ist es schwer, den Champions-League-Teilnehmern aus den bestehenden Garantiezahlungen etwas wegzunehmen. Die Uefa könnte aber zukünftige Zusatzerlöse aus der Champions League überproportional zugunsten der Europa-League-Teilnehmer verwenden”, schlägt Grothe vor.

Zudem könne man eine Umverteilung der millionenschweren Solidaritätszahlungen an Verbände, Vereine und Ligen diskutieren. Derzeit behält die Uefa 18 bis 25 Prozent der Einnahmen aus der Champions League ein, “um organisatorische und administrative Kosten zu decken und Solidaritätszahlungen an Verbände, Vereine und Ligen zu leisten”, wie es im Financial Memorandum des Verbands heißt. Über 270 Millionen Euro im Jahr kommen so zusammen. Der albanische Meister profitiert von der Champions League also ebenso wie der litauische Verband. Sollte man mit dem Geld lieber Eintracht Frankfurt oder den VfB Stuttgart aufpäppeln? „In dieser Diskussion ginge es ans Eingemachte, denn sie rüttelt am Solidarprinzip der Uefa“, sagt Grothe.

BVB-Trainer Klopp würde das Teilen schwer fallen. “Wenn man oben dabei ist, herrscht ein ganz anderer Druck”, sagte er. Auch die Spieler und ihre Berater wissen, dass Geld zu holen ist – die Gehälter müssten auf Champions-League-Niveau steigen, so Klopp. “Etwas abzugeben, ist nicht realistisch.”

Thomas Mersch und Stefan Merx für Handelsblatt Online

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