Richter übernehmen im Fußball das Kommando

Chaos in der Champions League: Immer öfter fechten Klubs die Uefa-Sanktionen an. Greifen bald auch überführte Finanzdoper und Falschspieler nach dem Henkelpott?

GEPA pictures/ Felix Roittner, Red Bull

Der Sieg war souverän herausgespielt: Mit 4:0 schickte Red Bull Salzburg am Donnerstagabend den schwedischen Meister IF Elfsborg nach Hause. Auch eine kleine Belohnung wird vom europäischen Fußballverband Uefa überwiesen: 200.000 Euro gibt es in der Europa League für einen Gruppenspiel-Sieg. Läuft es auf dem Rasen weiter so rund, wird Salzburgs Geschäftsführer Jochen Sauer über Prämien und Boni wohl einen mittleren einstelligen Millionenbetrag einsammeln.

Kann er damit zufrieden sein? Nicht ganz. In der Champions League hätte allein die Startprämie 8,6 Millionen Euro betragen. Vom Imagegewinn und Thrill für Salzburg ganz abgesehen.

Während Salzburg gegen Elfsborg siegte, lief im Hintergrund ein anderes Spiel. Diese Partie ist noch immer nicht abgepfiffen, und sie lautet: Red Bull Salzburg gegen die Uefa. Ein Match, das Zündstoff birgt und auch für die Integrität des europäischen Fußballs wichtig werden könnte.

Die Auseinandersetzung begann im August, sie ist zäher, verzwickter als Rasenball – und es geht ums Prinzip. Der Spielort: Das Château de Béthusy, ein schmuckes Anwesen im Schweizerischen Lausanne – der Sitz des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS).

Foto: CAS

Grund der Aufregung: Salzburg hätte nach Ansicht des Juristen Sauer auch in der viel besser dotierten Champions League landen können – hätte die Uefa ausreichende Regularien, um ihre eigenen Sanktionen durchzusetzen. Konkret: Gegen Fenerbahce Istanbul, das Salzburg als Kontrahent in der Champions-League-Qualifikation zugelost bekam, liefen zeitgleich noch sportgerichtliche Verfahren – die Türken spielten wegen Manipulationsdelikten also faktisch unter Vorbehalt. Nach Polizeiermittlungen hatte sich Fenerbahce 2011 den Meistertitel gekauft, eine Champions-League-Saison musste Fenerbahce bereits pausieren. Doch die Verbandssperre hatte der CAS zwischenzeitlich aufgehoben – und die Quali-Spiele für die laufende Saison begannen pünktlich.

„Für mich ist es völlig unverständlich, wie man als Uefa einen Wettbewerb und eine Auslosung starten kann, bei dem man vorher schon weiß, dass Verfahren laufen“, sagte Salzburgs Sportdirektor Ralf Rangnick damals.

Spielplan geht vor Protest

Es half nichts – die Spiele wurden gewertet, Fenerbahce schoss Salzburg aus der Qualifikation zur Königsklasse. Salzburgs Pech: Wenige Tage später, am 28. August, beschloss der CAS dann doch den Ausschluss Fenerbahces. Der Wettbewerb jedoch war weitergegangen, Arsenal London hatte tags zuvor Fenerbahce sportlich herausgekegelt – und stand unumstößlich als einer der 32 Teilnehmer der Gruppenphase fest.

Foto: GEPA pictures/ Felix Roittner, Red Bull

Ein ärgerliches Chaos, das nun von hinten aufgedröselt werden muss. Bei der Uefa hatte der österreichische Vizemeister im August Protest eingelegt und auch um eine Verschiebung der Spiele gebeten, bis die Richter gesprochen haben würden – ohne Erfolg. Formell war Fenerbahce ja kurzzeitig spielberechtigt.

Nun muss der CAS im Nachhinein entscheiden, ob der Salzburger Protest sachlich gerechtfertigt gewesen wäre. Falls ja, bleibt die spannende Frage, was sich die Uefa einfallen lässt, um den Klub zu kompensieren. Gibt es Geld? Auf welcher Basis wird der Schaden beziffert? Zückt Platini großzügig eine Wildcard für den Europapokal in der kommenden Saison? Oder zuckt er nur bedauernd mit den Achseln?

Fest steht: Urteile vom grünen Tisch häufen sich und werden das erst recht tun, wenn die Uefa ernst macht mit dem Financial Fair Play. Dieses sieht vor, dass mit Beginn der kommenden Spielzeit Klubs wegen finanzieller Verstöße von der Champions League oder Europa League ausgeschlossen werden.

Schon in diesem Sommer hatte die Uefa-Rechtsabteilung Berge von Akten auf dem Tisch. Es sei für seine Rechtsabteilung „ein sehr schwieriger Sommer“ gewesen, sagte Uefa-Präsident Michel Platini bei einem Pressefrühstück in Monaco. „Es ist ärgerlich, wenn eine Auslösung gestört wird, und schlecht für das Image der UEFA“, begründete der Franzose sein reformerisches Grübeln nach einem Bericht von Insideworldfootball.com.

Auch Sperren infolge von Spielmanipulationen, wie in diesem Sommer bereits gegen Fenerbahce, Besiktas Istanbul und Metalist Charkow verhängt, werden nach Einschätzung von Experten eher zunehmen. Damit multiplizieren sich die Einsprüche, Dringlichkeitsanträge und Schnellurteile – das CAS-Schlösschen in Lausanne wird zur heißen Zone. Was die Uefa in erster und zweiter Instanz nicht unwidersprochen vom Tisch bekommt, landet beim CAS.

Uefa erwägt Strafaufschub um ein Jahr

Nicht nur in Salzburg regt sich Unmut. Einer der gewichtigsten Klubvertreter Europas, AC-Mailand-Organisationsdirektor Umberto Gandini, meldete sich in dieser Woche zu Wort: „Wir können es nicht riskieren, dass unsere Wettbewerbe von Rechtsstreitigkeiten bedroht werden, die Jahre in die Vergangenheit zurückreichen“, sagte er dem Fachdienst insideworldfootball.com. „Wir können doch keine Auslosungen machen, ohne zu wissen, ob die Teams überhaupt rechtmäßig im Lostopf liegen.“ Gandini bezeichnet Salzburgs Anliegen als legitim. „Der Sommer war kompliziert. Wir sollten entweder frühere Entscheidungen herbeiführen oder vielleicht die getroffenen Entscheidungen erst im Jahr darauf anwenden.“

Die Strafe einfach um ein Jahr vertagen? Offenbar erwägt auch Uefa-Chef Platini diesen Weg als Option, um das drohende Chaos zu bewältigen. Immerhin wäre dann klarer, wer wirklich spielberechtigt ist. Beim Treffen des Exekutivkomitees Ende dieser Woche in Dubrovnik könnten die Herrscher über den europäischen Klubfußball auch darüber diskutiert haben, sagen Eingeweihte. Die Alternative könnte theoretisch eine noch stärkere Beschleunigung der Verfahren sein. Der CAS hat für Olympische Spielen Kammern eingerichtet, die Ad-hoc-Entscheidungen fällen, damit die Spiele programmgemäß über die Bühne gehen können. Für den Fußball könnte das ein Vorbild sein.

CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb: „Erhöhte Komplexität der Fälle“

Eine Kröte muss der europäische Fußball womöglich schlucken: Sollten Strafen erst in der Spielzeit nach der letztinstanzlichen Entscheidung zur Anwendung gebracht werden, hätte das den unschönen Nebeneffekt, dass ein offensichtlich überführter Finanzdoper oder ein betrügerischer Klub mit einer gekauften Meisterschale noch einmal in der Champions League abräumen kann – und nicht nur Ruhm, sondern auch Millionen für die Zukunft abstaubt. Gefühlt zu Unrecht, doch dann legitimiert von den Uefa-Verbandsstatuten. Wer Klubs sofort aus dem Verkehr ziehen will, begibt sich hingegen in ein prozessuales Chaos, auf dessen künftiges Ausmaß dieser Sommer nur einen Vorgeschmack gegeben hat.

Quelle: CAS

Der Generalsekretär des CAS, Matthieu Reeb, favorisiert im JP4-Interview eine Lösung, bei der die Streitfälle, zumindest jene, die mit dem juristisch komplexen Thema Spielabsprachen zu tun haben, mit einem größeren Zeitpuffer abgearbeitet werden können: „Ich empfehle in Fällen, die Spielabsprachen betreffen, die Verfahren vor den Uefa-Gremien erst in der folgenden Saison zu behandeln und abzuschließen“, sagte er. „Das würde den Parteien genug Zeit geben, nötigenfalls vor den CAS zu ziehen, so dass die finalen Entscheidungen im Mai oder Juni getroffen werden können.“

Für Reeb würde das zur Klarheit beitragen, allerdings erkennt auch er die Kehrseite: „Ein Klub, der im Verdacht steht, die Regeln gebrochen zu haben, dürfte dann trotzdem im selben Jahr noch teilnehmen.“ Im Extremfall dürften selbst von staatlichen Gerichten rechtskräftig verurteilte Klubs noch antreten.

Reeb betont, noch sei aus seiner Sicht alles im Griff, sein Haus habe die Fälle zügig genug und entlang der Zeitpläne abgearbeitet. Über 200 Verfahren mit Fußballbezug hatte der CAS im Jahr 2012 zu entscheiden, also etwas mehr als die Hälfte aller Fälle. Die Tendenz sei mit Blick auf den Fußball aktuell steigend. Die Zahl der Schiedsrichter am CAS werde von jetzt 280 bis zum Jahresende auf über 300 aufgestockt. „Die erhöhte Komplexität der Fälle ist noch wichtiger als die steigende Anzahl“, stellt Reeb fest. Gerade die Beweisaufnahme bei Spielmanipulationen sei komplex.

Fußnoten im Lostopf 

Was die Regularien zum Financial Fair Play (FFP) angeht, ging es bisher nur um Klubs, die in Zahlungsverzug geraten waren. Reeb weiß: Die viel schwerer zu beurteilenden Fälle zur Berechnung der Break-Even-Rule – dem FFP-Herzstück – rollen erst in Zukunft auf ihn zu.

Bei der Break-even-Rule geht es darum, dass Klubs, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen wollen, zukünftig nicht mehr ausgeben dürfen als sie mit dem operativen Fußballgeschäft einnehmen. Wer Defizite schreibt, darf diese nicht mehr von einem Investor ausgleichen lassen. Nur in einer Übergangszeit erlaubt die Uefa noch Defizite in Höhe von mehreren Millionen Euro – in den nächsten Jahren werden diese dann schrittweise zurückgefahren.

Falls der CAS die Lawine nicht bewältigt, wird es eng für Michel Platini und eng für die Sportgerichtsbarkeit. Ein Grund ihrer Existenzberechtigung ist genau die unterstellte Fähigkeit, schnelle Entscheidungen herbeizuführen. Ein erfahrener Sportjurist aus den Reihen des deutschen Spitzenfußballs überlegt dennoch, ob man nicht „besser gewisse Stichtage in die Uefa-Reglements mit aufnimmt“, bis zu denen ein Spruch gefällt sein muss, damit die Kandidaten im Lostopf nicht reihenweise mit Fußnoten versehen werden müssen.

Auch der Deutsche Fußball-Bund kennt die Bedrohung, die von juristischen Winkelzügen betroffener Klubs ausgeht – und vom Ausbruch aus dem selbstgesteckten Kosmos der Verbandsjuristerei. Dynamo Dresden, das wegen Fanrandale vom DFB-Pokal vom Schiedsgericht ausgeschlossen war, griff im Juni zu einem ungewohnten Mittel: Per einstweiliger Verfügung sollte das angerufene Oberlandesgericht Frankfurt die Auslosung zum DFB-Pokal stoppen. Zwar wurde das Ansinnen abgelehnt, doch der Tabubruch war geschehen: Der Klub hatte die Sphäre der Sportgerichtsbarkeit verlassen – und ein Ordentliches Gericht bemüht.

Auch der Internationale Sportgerichtshof als oberste Sportgerichtsbarkeit ist theoretisch nicht das Ende der Fahnenstange. Das Schweizerische Bundesgericht könnte bei bestimmten Beschwerdegründen noch angerufen werden, wovon Charkow auch Gebrauch gemacht hat. „Es ist schlussendlich das Ende des Fußballs, wenn die verbandsinterne Gerichtsbarkeit nicht mehr akzeptiert wird“, kommentiert ein hochrangiger deutscher Fußballfunktionär. Und er weiß, dass der Druck im Millionenspiel zunimmt: „Die Problemlage ist extrem schwierig für die Uefa. Zum Schwur wird es kommen, wenn das Financial Fair Play in vollem Umfang greift – und große Klubs betroffen sind.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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