Schalke gegen Viagogo: Wer spielt hier falsch?

Schalke 04 will den Ex-Partner Viagogo gerichtlich zur Kasse bitten. Doch der Tickethändler schießt zurück – und versucht, die Fans auf seine Seite zu ziehen.

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Wer hier um Hilfe bittet, kann sich auf absolute Diskretion verlassen. In der Kölner Innenstadt sitzt die Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS). Sämtliche Fälle werden im Geheimen abgearbeitet, ein Tribunal aus drei Schiedsrichtern entscheidet ohne Öffentlichkeit in erster und zugleich letzter Instanz. Noch nicht einmal erfährt ein Außenstehender, ob überhaupt ein Schiedsverfahren im Gange ist, geschweige denn, wie es ausging. Lautloser kann man sich in Deutschland nicht streiten.

Schalke 04 hat nach eigener Darstellung am Donnerstag die DIS in Köln mit einem delikaten Fall betraut. Eingereicht wurde eine Schadenersatzklage des Ruhrgebietsklubs gegen die aus London operierende Ticketbörse Viagogo. Schalke hatte dem Ex-Partner nach nur neun Tagen wegen angeblicher Vertragsverletzung im Juli fristlos gekündigt. Details blieben ungenannt.

Viagogo war das Reizthema des Gelsenkirchener Sommers, Schalke pocht nun auf entgangene Vermarktungserlöse – es dürfte um einen kleinen Millionenbetrag gehen. Zunächst ist Ruhe im Karton, hofft das Klubmanagement. „Wir gehen davon aus, dass im ersten Halbjahr 2014 eine Entscheidung fallen wird“, teilt der Verein mit. Bis dahin: ausnahmsweise Stille, kein Geschrei, kein Gebuddel, kein Dreck.

Quelle: Schalke 04

Weil viele Fans Viagogo als fragwürdigen Geschäftspartner ansehen, dessen Kartenhandel via Internet nach legalisiertem Schwarzmarkt riecht und die Eintrittspreise nach oben treibt, musste die Schalke-Führung am 29. Juni auf einer siebenstündigen Jahreshauptversammlung herbe Kritik einstecken. „Wir haben verstanden, dass wir mit Viagogo einen Schritt zu weit gegangen sind. Diese Botschaft haben wir verstanden“, sagte Marketingvorstand Alexander Jobst. Kurz darauf sprach er die Kündigung aus.

Der fromme Wunsch des Ruhrgebietsvereins auf eine diskrete Abwicklung seiner gescheiterten Viagogo-Beziehung hat in dieser Woche einen Dämpfer bekommen. Recherchen des WDR-Magazins „Sport Inside“ brachten zutage, dass Schalke noch am 26. Juni einen Änderungsvertrag mit Viagogo geschlossen haben soll. Das Dokument zeigt die Unterschriften der Vorstände Alexander Jobst und Peter Peters. Erstmals wurde so auch publik, dass die von Schalke offerierten Kartenkontingente höher gelegen haben sollen, als stets kommuniziert.

„Vianogo“-Chef fordert Tönnies zu Konsequenzen auf

Manche Fans, die ihrem Klub für die abrupte Kündigung teilweise gerührt dankten, reagieren heute fassungslos. „Ich kenne mittlerweile den Änderungsvertrag, den Schalke mit Viagogo am 26. Juni unterschrieben hat“, sagt Michael Eckl, der die Faninitiative „Vianogo“ anführt. Der Regensburger Fan fühlt sich „monatelang belogen“ vom eigenen Lieblingsklub, will das nicht auf sich beruhen lassen, sondern fordert den Aufsichtsratschef Clemens Tönnies auf, „dass er Konsequenzen zieht“. Eckl will Tönnies am Sonntag treffen und Dokumente vorlegen. Sollte Eckl recht behalten, könnte der Vorstand unter Rechtfertigungsdruck kommen.

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Eckl präzisiert: „Nach der Änderungsvereinbarung, die am 26. Juni von den Vorständen Alexander Jobst und Peter Peters unterschrieben wurde, hätte Viagogo nun maximal 400 Tickets für zwölf Heimspiele vom Klub zum Weiterverkauf bekommen – mit der Obergrenze von 3600 Tickets pro Saison.“ Sein Vertrauen in die Schalker Vereinsführung ist erschüttert. „Ich glaube auch nicht mehr, dass die von Schalke kommunizierten Einnahmen aus dem Viagogo-Deal von angeblich insgesamt 3,6 Millionen Euro stimmen“, sagte er dem Wall Street Journal Deutschland.

Weil der Fanprotest schon so groß war, habe Schalke nach Eckls Darstellung den Starttermin des geordneten Viagogo-Kartenverkaufs vorziehen wollen. „Ursprünglich sollte der Kartenverkauf über Viagogo nach dem im Dezember geschlossenen Vertrag erst ab dem 15.8. erlaubt sein, weil bis dahin noch eine Vereinbarung des Klubs mit der Ticketbörse Eventim-Fansale lief“, sagt Eckl. Hätte Viagogo sich erst sechs Wochen nach Beginn der Sponsoringpartnerschaft an Regeln und Limits halten müssen, wäre Schalke so lange in einer Zwickmühle gewesen: Hätte man den Werbepartner sanktioniert für Kartenofferten, die über dem Doppelten des Nennwertes gelegen hätten? Der Fanärger wäre weiter gestiegen. „Viagogo hat dies nur gegen weitere Zugeständnisse akzeptiert, nämlich die Überlassung von weiteren Tickets für zwei weitere Bundesligaspiele – also zwölf statt zehn“, sagt Eckl.

Quelle: Screenshot WDR (http://www.wdr.de/tv/sport_inside/)

Marketingvorstand Jobst hatte auch gegenüber dem Wall Street Journal Deutschland von nur zehn Bundesliga-Heimspielen gesprochen, bei denen Viagogo jeweils 300 Karten erhalten sollte, um sie – je nach Nachfrage – auch zu verdoppelten Preisen online zu verkaufen. Die Preisdifferenz hätte laut Schalke allein der Makler Viagogo eingestrichen, der zusätzlich pro Transaktion 25 Prozent Provision kassiert. Dass von Schalke auch Karten für Heimspiele im DFB-Pokal sowie bei Begegnungen der Champions League oder Europa League vertraglich zugesichert worden seien, kam nun erst durch den WDR-Bericht zur Sprache.

Der Klub kam einer Interviewbitte des Wall Street Journal Deutschland zu diesem Thema nicht nach – und belässt es bei einem allgemeinen Statement. „Zu keiner Zeit hat der FC Schalke 04 seinen Mitgliedern gegenüber Unwahrheiten in Bezug auf die Vertragsinhalte mit Viagogo verbreitet.“ Doch wurde auch umfassend informiert? Der Klub behauptet: „Viagogo hat den FC Schalke 04 kurz vor Vertragsbeginn massiv unter Druck gesetzt und mehr Ticketkontingente für Spiele eingefordert.“

Diese Einlassung wirft mehr Fragen auf, als sie erklärt: Welches Druckmittel sollte Viagogo gegenüber Schalke in der Hand gehabt haben? Geht es um Informationen, die lieber nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten? Auch Viagogo lehnte dazu eine Gesprächsanfrage des Wall Street Journal Deutschland ab.

Schon rechnerisch ist klar, dass eine Sponsoringsumme von 1,2 Millionen Euro im Jahr nicht einmal annähernd mit dem Verkauf von 3000 oder 3600 Kontingent-Karten aus der Bundesliga gegenfinanziert werden könnte. Aktuell kostet eine Schalke-Karte maximal 52 Euro. Für Viagogo wäre dann eine Verdopplung auf 104 Euro erlaubt gewesen – über das kleine Exklusiv-Kontingent hätte Viagogo so im Maximalfall Zusatzeinnahmen in Höhe von gut 187.000 Euro pro Saison erlösen können. Hinzu kämen zwar weitere Makler-Gebühren, doch die Frage bleibt: Wieso hätte Viagogo für so wenige Tickets eine solche Summe zahlen sollen?

Nur wenn über diese Ticketmengen hinaus der – dann vom Klub legalisierte Weiterverkauf – ins Rollen gekommen wäre, wäre Viagogo auf seine Kosten gekommen. Da Viagogo die Anonymität der Verkäufer zusichert, ist bei keinem Event klar, woher die auf dem Portal weiterverkauften Karten wirklich stammen. „Ohne diese Anonymität würde Viagogos Geschäftsmodell sofort in sich zusammenbrechen“, sagt ein Kenner der Szene.

Sicher ist: Die Schlammschlacht, die Schalke elegant vermeiden wollte, läuft gerade erst an. Es droht eine erneute Spaltung von Fans und Vereinsführung über Fragen von Glaubwürdigkeit und Kommerzialisierung. Bemerkenswert dabei: Die Munition stammt aus London.

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Steve Roest, der als European Business Development Director für Viagogo die Klubpartnerschaften in Deutschland aushandelt, gießt nun dosiert Öl ins Feuer und sucht den Schulterschluss mit seinen eigentlichen Gegnern von der Vianogo-Faninitiative. „Meinst du, dass Herr Jobst dir immer die Wahrheit erzählt?“, verunsicherte er in einem „Sport-Bild“-Streitgespräch den Vianogo-Chef Eckl. Und rhetorisch geschickt fügte er hinzu: „Jedes Mal, wenn ihr eure Vianogo-Schals zeigt, steigen bei uns die Verkaufszahlen.“ Die arrogante Botschaft: Ihr kriegt uns nicht klein.

„Es ist Fakt, dass das Geschäft von Viagogo boomt und Schalke nach einem neuen Weg sucht, nun doch noch einen Anteil der Einnahmen zu bekommen“, kommentierte Viagogo im August trotzig die Klageankündigung des Schalker Managements.

Ursprünglich wollte Viagogo mit Klubpartnerschaften seine Position in Deutschland festigen. „Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft die Vereine, die nicht mit uns arbeiten wollen, in der Minderzahl sein werden“, sagte Roest in einem JP4-Interview im November 2012. „Wir streben eine Partnerschaft mit jedem an, auch mit dem DFB.“ Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Klubs wenden sich reihenweise ab oder übermitteln wie beispielsweise Bayer 04 Leverkusen Viagogo sogar einstweilige Verfügungen. Auch der DFB kündigte an, sich juristisch gegen den Viagogo-Weiterverkauf zur Wehr zu setzen.

Experte: Viagogo ist mit der deutschen Fankultur schwer vereinbar

Ob Viagogo sein Geschäft gegen den wachsenden Druck aufrechterhalten kann, bleibt abzuwarten. „Viagogo kämpft hierzulande um sein Geschäftsmodell. Es ist mit der deutschen Fankultur nur schwer vereinbar. Das haben die Vereine nicht zuende gedacht, als sie die Businesspartnerschaft eingegangen sind“, sagt Peter Rohlmann, Inhaber der Sportbusiness-Beratung PR Marketing. Er kritisiert, dass die Klubs in ihrem Cashdurst „oft nur die kurzfristige Geldvermehrung sehen“. Die Verträge mit Viagogo, die sechs- bis siebenstellige Eurobeträge in die Kasse spülen, seien ein Beispiel.

Gerade Traditionsklubs müssten trotz der nötigen Kommerzialisierung Dinge unterlassen, die das Klima in der Fanbasis erheblich stören. „In der Privatwirtschaft gab es die Entwicklung zum mündigen Konsumenten, ebenso lassen Fans nicht mehr alles mit sich machen“, sagt Rohlmann und erinnert in dem Zusammenhang auch an die Idee Werder Bremens, den Geflügelbetrieb Wiesenhof als Hauptsponsor zu akzeptieren. Zwar blieb der Sponsor, doch etliche Fans murren.

Viagogo versucht, aus der Defensive zu kommen – auch, indem der Zorn der Viagogo-Gegner auf Schalke gelenkt werden soll. Eckl muss sich inzwischen in Schalker Fanforen fragen lassen, ob er sich von Roest nicht unfreiwillig vor dessen Karren spannen lässt. Für den Regensburger Fan geht es aber vielmehr um die Klärung der Frage, ob sein Klub aufrichtig agiert hat: „Schon im ersten Vertrag stand, dass Viagogo auch im DFB-Pokal bis zum Viertelfinale jeweils 300 Karten pro Heimspiel bekommt. Das hat der Klub gegenüber der Öffentlichkeit komplett verschwiegen.“ Er sei „maßlos enttäuscht“, sagt er dem Wall Street Journal Deutschland.

Keinen Zweifel lässt Eckl aber daran aufkommen, dass er das Geschäftsmodell der Ticketschieber weiterhin bekämpft. „Wenn das Thema Viagogo auf Schalke erledigt ist, wollen wir Viagogo aus der Bundesliga jagen.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

Schalke 04: Mehr Umsatz, mehr Gewinn

Der FC Schalke 04 hat im ersten Halbjahr 2013 wirtschaftlich zugelegt. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 77,8 auf 85,8 Millionen Euro, teilte der Klub am Freitag mit. Der operative Gewinn (Ebitda) erhöhte sich von 5,9 auf 13,2 Millionen Euro. Unter dem Strich gab es ein Minus von 7,0 Millionen Euro, das damit geringer ausfiel als im ersten Halbjahr 2012 (-21,7 Mio.).

Für das Gesamtjahr 2013 werde ein Ebitda im „mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich“ erwartet. Auch das Konzernergebnis nach Steuern soll dann positiv sein. „Üblicherweise fällt das Ergebnis des zweiten Halbjahres deutlich besser aus“, heißt es in der Mitteilung.

Peter Peters, Finanzvorstand des verschuldeten Klubs, zeigte sich optimistisch: „Wir haben zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte zum zweiten Mal hintereinander den Einzug in die Gruppenphase der Uefa Champions League erreicht. Damit schaffen wir die Grundlage für eine positive Umsatz- und Ergebnisentwicklung in den nächsten Monaten.“

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