Spielerberater: Vertreibung aus der lukrativen Grauzone

Für wen arbeiten eigentlich Spielerberater – den Klub oder den Kicker? Ein Urteil des Bundesfinanzhofs könnte das alte Vermittlungssystem aus den Angeln heben.

Man muss einstecken können, gerade als Spielerberater. Setzt doch das Führungspersonal der deutschen Profiklubs bei diesem Berufszweig mit Lust zur verbalen Grätsche an. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sieht die Berater als „größte Gefahr für den Fußball“. Der Freiburger Trainer Christian Streich wirft ihnen Viehhändler-Methoden vor. Trösten konnten sich die Gescholtenen bisher nur materiell: Zwischen fünf und 15 Prozent der Jahresbruttogehälter ihrer Spieler kassieren Berater in der Regel als Courtage. Keine Liebe, aber immerhin Geld.

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Neuerdings kommen die Berater auch emotional auf ihre Kosten: Viel sanfter der Ton, als Andreas Rettig Mitte Oktober die Jahreshauptversammlung der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV) besuchte. Der Ex-Manager des Bundesligisten FC Augsburg und heutige Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) breitete die Arme für die Berater aus: „Wir wünschen uns einen starken Verband mit klaren Richtlinien für Mitglieder und Ansprechpartner“, sagte er. Ziel der DFL sei es, den Berufsverband zu stärken. „Dies ist nicht zuletzt deshalb nötig, weil die Fifa ab 2015 nur noch bestimmte Mindeststandards für die Tätigkeit von Vermittlern festlegen will.“ Diese wollten der Deutsche Fußball-Bund und die DFL ausgestalten und ergänzen.

Spontanes Feuerwerk oder gezieltes Manöver? Lange klagte die DFVV über fehlendes Entgegenkommen der DFL, wenn es darum ging, das Geschäft der Spielerberater in geordnete Bahnen zu lenken. Erfreut zeigt sich nun DFVV-Vorstand Karl-Heinz Thielen über den Willen zu Kooperation: Es sei „endlich der Punkt gekommen, an dem die Beratertätigkeit reguliert und kontrolliert und somit die seriöse Arbeit unterstützt wird“.

Deutschlands Top-Berater: zur Grafik

Rettigs freundliche Stippvisite bei der Vermittlergilde hatte gutes Timing. Tiefgreifende Veränderungen stehen bevor – das Verhältnis zwischen Klubs und Agenten muss dringend neu definiert werden: Betriebsprüfer und Richter haben die Profibranche aufgeschreckt, Zahlungen, die sich zu Millionen summieren, werden hinterfragt.

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Bisher agieren Spielermakler in einem von außen kaum zu durchschauende Geflecht von Absprachen, Dienstleistungen und Zahlungen. Selbst der Spieler sitzt in der Regel nicht am Tisch, wenn sein Berater mit dem Klubmanager die Vertragsinhalte bespricht – und dazu zählt auch sein Honorar.

Rechtlich entsteht eine pikante Dreiecksbeziehung: Meist erbringen die Berater Maklerleistungen für einen Spieler, doch die Rechnung in Form der Provision zahlt der Klub, bei dem der Spieler angestellt ist, erläutert Alexander Graeser, Rechtsanwalt bei der Kanzlei CMS Hasche Sigle. „Es herrscht keine Transparenz bei der Vertragsverhandlung und der Vergütung“, stellte Graeser beim Sportbusiness-Kongress „Spobis“ im Februar dieses Jahres fest. Auch „Korruption und Kickback-Zahlungen“ benannte er als „Problemfelder“ im bestehenden System: „Der Macht der Spielerberater muss Grenzen gesetzt werden.“

Dem Grummeln folgt nun ein veritables Gewitter. Bald dürfte in Deutschland tatsächlich nach ganz neuen Regeln gespielt werden im Beraterbusiness, unseriösen Anbietern droht das Aus, Vereine fürchten Steuernachzahlungen in Millionenhöhe.

Das BFH-Urteil hinterfragt, wer der wahre Leistungsempfänger ist

Es sind freilich nicht Klubs, die DFL oder gar der Weltverband Fifa, die als treibende Kräfte wirken. Der entscheidende Impuls kommt aus München – vom Bundesfinanzhof (BFH), dem obersten Bundesgericht für Steuerfragen. Dessen jüngstes Urteil zur steuerlichen Behandlung von Honoraren für die Vermittler entzieht nach Ansicht von Experten dem jetzigen Geschäftsgebaren die rechtliche Grundlage. „In dem Geschäftsfeld wird sich etwas ändern“, kommentiert der auf Sportrecht spezialisierte Rechtsanwalt Martin Stopper von der Münchener Kanzlei Lentze Stopper.

Was war geschehen? Am 28. August hob der BFH ein Urteil des Finanzgerichts Düsseldorf auf. Es geht um die Frage, wann ein Profifußballverein die Mehrwertsteuer aus Rechnungen von Spielervermittlern als Vorsteuer geltend machen kann. Dies sei nur möglich, „wenn der Verein und nicht ausschließlich der betreffende Spieler Empfänger der Leistungen ist“, teilte der BFH Mitte Oktober mit, als das Urteil veröffentlicht wurde.

Im strittigen Fall geht es um Spieler, die Borussia Mönchengladbach in den Jahren 2000 und 2001 neu verpflichtete oder mit denen Verträge verlängert wurden. Nach Unterzeichnung der Verträge hätten Klub und der jeweilige Berater stets eine „schriftliche Zahlungsvereinbarung“ geschlossen. Laut BHF-Mitteilung versagte das Finanzamt dem Klub, die Mehrwertsteuer des Beraters geltend zu machen. Dieser habe keine Leistung für den Verein erbracht, sondern nur für den Spieler.

Spielervermittler dürfen nur die Interessen einer Partei vertreten

Die Fifa schreibt vor: „Lizenzierte Spielervermittler sind verpflichtet, im Rahmen des gleichen Transfers nur die Interessen einer beteiligten Partei zu vertreten.“ Die Steuerexperten treffen somit einen auch verbandsrechtlich wunden Punkt: In wessen Interesse handeln die Berater da eigentlich, die auf ihren Homepages stolz die Namen ihrer kickenden Klienten auflisten – die Rechnung aber an den Verein schicken?

Martin Stopper erkennt in der Praxis eine Mischform, die heutzutage auch den Fifa-Statuten widerspricht: „Der Berater ist unterwegs im Namen seiner Schützlinge. Wenn es so weit kommt, dass der Verein interessiert ist, kann sich die Interessenlage häufig zugunsten der Vereine verändern.“ Aus Sicht der Klubs seien Vermittler vor allem auch „Gatekeeper“: Der Weg zum Spieler führt nur am Berater vorbei, seine Kosten werden eingepreist – im Zweifel verdient der Spieler eben hinterher weniger.

Klubs könnte das bereitwillige Schultern der Beraterkosten aus vergangenen Jahren nun als Bumerang treffen. „Wenn ich einen Makler zahle, der für einen anderen tätig ist, habe ich ein Problem“, sagt Stopper. „Die Schuldübernahme kommt den Klub teuer zu stehen, da es sich gegebenenfalls um eine versteckte Gehaltszahlung handelt.“

Experte: Auf den Verein könnten doppelte Kosten zukommen

Martin Stopper rechnet vor, was die Neuregelung kosten kann. Sein Beispiel: Ein Berater hat einen Spieler vermittelt, der ein Jahresgehalt von einer Million Euro erhält. Dafür veranschlagt er ein Honorar von jährlich 100.000 Euro. Bislang überweist der Klub diese Summe direkt an ihn. Zahlt künftig der Spieler, müsste der Klub ihm fast 200.000 Euro überweisen, damit er seinem Berater 100.000 Euro zahlen kann und nach Steuern finanziell genauso da steht wie vorher. „Der Verein müsste also das Doppelte für Beraterkosten aufwenden“, sagt Stopper.

Dass ein Vermittler nur für den Verein tätig war, hält Stopper für „eine absolute Ausnahme“. Die Situation, dass der Klub den Vermittler damit beauftragt, einen bestimmten Spieler zu finden, sei zwar möglich. „In der Realität gibt es das aber praktisch gar nicht“, sagt der Jurist. „Die Spieler, die ich haben möchte, entdecke ich über Scouts. Und wenn der Berater der Vater eines Spieler ist, wird die Finanzbehörde kaum annehmen, dass er allein im Auftrag der Vereins unterwegs war.“

Um möglichst ungeschoren aus der Nummer herauszukommen, müssen die Klubs nun jedoch darauf beharren, dass die Berater seit eh und je tatsächlich nur in ihrem Auftrag aktiv waren. Martin Kind, der Präsident des Bundesligisten Hannover 96, nimmt auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland diese eindeutige Position ein: „Wir gehen davon aus, dass in allen von Hannover 96 abgeschlossenen Verträgen ausschließlich eine Vertragsbeziehung zwischen Klub und Spielervermittler zustande gekommen ist“, sagt Kind. So wäre der Klub auf der sicheren Seite: „Wir gehen derzeit davon aus, dass das Urteil für Hannover 96 keine direkte finanzielle Bedeutung hat.“

Martin Kind wünscht sich Systemwechsel: Spieler sollen zahlen

Mögliche Mehrbelastungen seien für die Vereine nur schwer zu stemmen, warnt Kind im Interview: „Ein Teil der Bundesligaklubs ist nur begrenzt profitabel, so dass es für die Klubs nur begrenzt möglich sein wird, Zusatzkosten zu übernehmen.“

Kind sieht im Urteil gleichwohl die Chance, im deutschen Profifußball einen radikalen Systemwechsel zu vollziehen: Spieler – und nicht länger die Klubs – sollen für ihre Berater zahlen. „Wir würden es für die Zukunft begrüßen, wenn es eine Verständigung aller Vereine mit dem Beraterwesen gibt, dass diese ausschließlich im Auftrag der Spieler arbeiten und demzufolge die Spieler die Honorare der dann von ihnen beauftragten Berater übernehmen“, regt Kind an. Er gehe davon aus, dass im neuen Szenario „die Spieler Leistung und Honorar kontrollieren. Dies kann auch zu neuen Marktpreisen führen“.

 Eine Tarifierung wäre aus unserer Sicht im Sinne der Transparenz sinnvoll und wünschenswert – Martin Kind, Hannover 96

Selbst eine Art verbindliches Tarifsystem für die Beraterkaste schwebt Kind vor: „Eine Tarifierung wäre aus unserer Sicht im Sinne der Transparenz sinnvoll und wünschenswert“, sagt der 96-Unternehmer, schränkt aber ein: „Inwieweit eine Kontrolle eines entsprechenden Tarifs erfolgen könnte und Missbrauch verhindert werden kann, ist zu klären.“

Quelle: VDV

Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, setzt sich ebenfalls dafür ein, dass die Spieler künftig ihre Berater beauftragen und selbst bezahlen. Auch wenn es zunächst nach Mehrausgaben klingt: Laut Baranowsky haben die Spieler nur Vorteile, wenn sie die Hoheit und Kostenkontrolle übernehmen: „Fakt ist, dass die Klubs Budgets dafür haben, was einzelne Spieler inklusive Vermittlerhonoraren kosten dürfen. Die Profis müssen also erkennen, dass ein teurer Spielervermittler ihre Einkünfte mindert. Leider wissen nur wenige Spieler, wie viel Geld Spielervermittler mit ihnen verdienen“, kritisiert Baranowsky im Interview. Er fordert eine neue Transparenzpflicht. „Es gibt bis heute kein Clearing-House, das diese Zahlen offenlegt. Dies gilt es zu ändern.“

Diese Professionalisierung ist auch Gregor Reiter, Geschäftsführer der DFVV, ein Anliegen: „Was dem System immer als fehlerhaft und krank vorgeworfen wird, wird dadurch begünstigt, dass Intransparenz herrscht“, sagt Rechtsanwalt Reiter. „Schwarze Schafe finden es toll, wenn sie sich im Schatten bewegen können. Das wird sich ändern, wenn der Spieler seinen Berater bezahlt. Er sollte dann sagen: ‚Wenn ich dich schon bezahle, lieber Berater, was leistest du für mich?‘“ Es würden diejenigen Vermittler profitieren, die tatsächlich im Sinne des Spielers arbeiten und ehrliche Dienstleistungen erbringen. „Die DFVV fordert seit ihrer Gründung vor sechs Jahren: Schafft Transparenz, denn dann werden die schwarzen Schafe verschwinden.“

Unsicherheit, wie die Wintertransfers laufen sollen

Quelle: DFVV

Bereits 2008 habe der Verband auf mögliche steuerliche Probleme hingewiesen. „Wir sind mit unseren Befürchtungen auf Vereine zugegangen und haben ihnen gesagt: ‚Da könnte ein Problem kommen, wir sollten uns damit jetzt auseinandersetzen.‘ Aber es ist nichts geschehen.“ Nun gehe es darum, rasch Handlungsempfehlungen zu entwickeln. „Schon in Bezug auf die nächste Transferperiode im Januar besteht Unsicherheit“, sagt Reiter. „Es wird einen völlig veränderten Markt geben. Wir werden ein anderes System erleben.“

Wie das künftige System aussehen wird? Reiter verweist auf England: „Dort haben sich alle Beteiligten mit dem Staat geeinigt: Danach teilen sich die Parteien die Steuerlasten.“ Wenn in Deutschland der Spieler zum Auftraggeber wird, greift Paragraph 2 der Vermittlervergütungsverordnung, wonach das Honorar, welches von einem Arbeitnehmer verlangt werden kann, auf einmalig 14 Prozent eines Jahresbruttogehalts begrenzt ist. Auf den gewohnten kontinuierlichen Geldstrom müssen die Berater dann verzichten. „Damit werden wir umgehen müssen“, sagt Reiter. „Dann muss der Berater versuchen, das Bruttogehalt zu erhöhen, was auch im Interesse des Spielers sein dürfte.“

Für unseriöse Vermittler wird es eng

Der gläserne Berater, der fast wie in der Wohnungswirtschaft seine Courtage gedeckelt bekommt – und sich neuerdings kritische Klientenfragen gefallen lassen muss? Ein wahrer Alptraum für die Glücksritter dieses Berufsstandes. Für die Freunde des schnellen Geldes wird es nun eng: „Spieler werden zur neuen Aufsichtsinstanz“, ist Martin Stopper überzeugt. „Es gibt einen neuen Wettbewerb bei der Seriosität. Das Urteil fördert eine neue Mündigkeit heraus. Der Spieler erkennt zum ersten Mal, zu welchen finanziellen Bedingungen er sich einem Berater anschließt.“ Ziemlich sicher ist: Etliche Berater werden den Wettbewerb nach neuen Kriterien geschäftlich nicht überstehen.

Zum Thema: Mac Bryla hat hier die Entwicklung der Spielertransfers von 1900 bis 2013 in 60 Sekunden zusammengefasst.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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