Kalte Dusche für die Klubs

Das Zögern der DFB-Spitze beim Biersponsoring alarmiert Brauer und Vereine: Jetzt meldet sich die Drogenbeauftragte und plädiert für Abstinenz im Sport.

Quelle: FDP

Mechthild Dyckmans hat sich bei den deutschen Brauern prima eingeführt. Als Drogenbeauftragte der Bundesregierung zeigt die FDP-Frau Verständnis für moderaten Alkoholgenuss. Aufklärung statt Verbot – so ihr Credo. Auf ihrer Abgeordneten-Homepage teilt sie Rezeptideen („Original Frankfurter Grüne Soße“) mit. Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds, hat für Dyckmans Amtsführung ein Wort: „Unspektakulär.“ Das meint er als Kompliment. Mit der Vorgängerin Sabine Bätzing lag er lange im Clinch über Werbeverbote im Sport. „Blinden Populismus“ beklagte er damals.

Nun könnte es doch spektakulär werden – mit Mechthild Dyckmans im Mittelpunkt. Die deutsche Brauwirtschaft blickt höchst gespannt auf die Ex-Richterin aus Kassel: Macht sie das alte Fass rund um ein mögliches Verbot von Biersponsoring im Sport wieder auf oder nicht? Für Hahn wäre das ein Desaster:

Wir befürchten, dass mit falschen Argumenten zur falschen Zeit eine Diskussion losgetreten wird, die dem Gesamtanliegen des Jugendschutzes gerade nicht zugute kommt.
– Peter Hahn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bunds

Nicht Dyckmans, sondern Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) hatte das leidige Thema auf die sportpolitische Agenda gehoben. Im Alleingang und offenbar zum Entsetzen seines Generalsekretärs Wolfgang Niersbach stoppte er die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung mit Nationalmannschaftssponsor Bitburger.

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Da der Verband die Aktion „Alkoholfrei Sport genießen“ des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt, legte Zwanziger vorläufig ein Veto gegen eine Vertragsverlängerung ein. Es müsse „sehr genau ausgelotet werden, ob sich diese Aktivität noch mit einer Bierwerbung verträgt“, zitierte „Sport-Bild“ den mächtigen Fußball-Funktionär. Es gehe um die Glaubwürdigkeit des DFB.Seit zwei Wochen herrscht Funkstille, eine Interviewanfrage des Handelsblatts wurde vom DFB abgelehnt mit Hinweis auf „laufende Gespräche“. Auch der brüskierte Partner Bitburger möchte schweigen.

Die Liga baut weiter auf Bier

In der Schockstarre ergriff Liga-Chef Reinhard Rauball das Wort, der die Interessen der Profiklubs vertritt. Rauball zögerte nicht, auf klaren Konfrontationskurs zu Zwanziger zu gehen: „Wenn der DFB beschließt, keine Werbeverträge mit Brauereien mehr abzuschließen, werden wir, die Deutsche Fußball Liga, einen anderen Weg gehen“, sagte Rauball. Ob dieser Weg langfristig offen bleibt, hängt stark von Dyckmans Haltung ab. Als „folgerichtig“ lobte sie Zwanzigers Veto.

Auf dem Spiel stehen hohe Einnahmen: Auf 25 Millionen Euro taxiert Andreas Ullmann, Experte der Sponsoringberatung Sport+Markt, den Wert von Werbeleistungen und Ausschankrechten der Brauer bei den 18 Erstligaklubs. Hinzu kommen mediale Aufwendungen wie TV-Presentings. „Jeder Klub hat einen Bierpartner, die Lücke bei einem Werbeverbot wäre für die Liga schwierig zu schließen“, sagt Ullmann. „Würde infolge der Diskussion auch ein Verbot von Bier im Stadion folgen, ist die Frage, ob die Fankultur und damit der Ticketverkauf leidet. Kino ohne Popcorn – das hätte ja auch Auswirkungen“, sagt Ullmann.

Der Brauer-Bund geht noch weiter: Er beziffert die Sponsoringaufwendungen der Mitgliedsunternehmen auf gut 300 Millionen Euro – „wir liefern damit die Basis für Breitensportvereine“. Ohne das Engagement sei das soziale Gefüge in Gefahr, argumentiert Hahn. Er versucht nun, in Gesprächen mit Liga, DFB, DOSB und Dyckmans die Wogen zu glätten. „Man muss Herrn Zwanziger eine Brücke bauen, um ohne Gesichtsverlust zurückzukehren“, sagt Hahn.

Der Ausschank im Stadion steht zur Debatte

Gut möglich, dass es dafür zu spät ist: Die Drogenbeauftragte beginnt, den von Zwanziger gekickten Ball zu jonglieren: „Angesichts der zunehmenden Eskalation von Gewalt in Stadien begrüße ich es, dass die Verantwortlichen verstärkt darüber nachdenken, keinen Alkohol in Stadien mehr auszuschenken“, sagte Dyckmans dem Handelsblatt. „Wir wissen, dass exzessiver Alkoholkonsum gerade in emotional aufgeladenen Situationen wie bei Fußballspielen häufig zu Gewalt führt.“ Hahn hält das für falsch: „Die Randale kriegen sie mit Bierverbot im Stadion nicht weg. Getankt wird auf dem Weg.“

Ob Abstinenz generell vom Sportzuschauer verlangt werden soll – diese Frage wird zum Knackpunkt: Dyckmans antwortet ausweichend: „Wir müssen Kindern und Jugendlichen zeigen, dass Sport und Alkohol, aber auch Sport und Rauchen nicht zusammengehören. Ich erhoffe mir von dem DFB-internen Diskussionsprozess, dass sich diese Sichtweise durchsetzt. Ein erster Schritt wurde bereits mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung getan, nach der es kein Sponsoring auf Kinder- und Jugendtrikots mehr gibt.“ Zudem könnten Kinder und Jugendliche laut Dyckmans in der Werbung nicht zwischen der alkoholfreien und alkoholhaltigen Variante unterscheiden – Sport dürfe gerade für sie nicht mit Bier verknüpft werden.

Herbert Sollich, Marketingdirektor der Veltins-Brauerei, Großsponsor bei Schalke 04, sorgt sich: „Ich weiß nicht, ob Herr Zwanziger weiß, was er da lostritt.“ Einen kleinen siebenstelligen Betrag investiere das Unternehmen in den regionalen Fußball, 50 bis 100 Klubs aus dem Umland erhalten Sponsoringleistungen.

Sollich fragt nach der Grenze einer Verbotskultur: „Was geschieht, wenn jetzt ein Verband sagt: Kinder dürfen nicht so viel Cola oder Limo trinken, das muss verboten werden? Anschließend wird die Automobilbranche verboten, weil die Emissionen zu hoch sind. Das endet dann bei Müsli und Quark.“ Auch wenn er Zwanzigers Veto als „Einzelmeinung“ einstuft und derzeit keine Notwendigkeit sieht, die Strategie zu wechseln, ist Sollich alarmiert: „Wenn nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird und die Werbung verboten ist, dann ergibt es keinen Sinn, Sponsor zu sein. Dann wird man sich eine andere Spielwiese suchen.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für Handelsblatt

siehe auch: Budweiser verlängert mit der Fifa

 

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