Für Finanzakrobaten wird es eng

Uefa-Chef Michel Platini hat seinen harten Reformkurs bekräftigt. Experten warnen, dass der Kampf gegen Schulden und Korruption schwieriger wird als erwartet.

Michel Platini hat einen starken Willen. Als Fußballer erlitt er diverse Gehirnerschütterungen, er brach sich mehrfach Arme und Beine. Trotzdem wurde er einer der besten Spieler, die Frankreich je hervorgebracht hat. Der härteste Test steht ihm noch bevor: Als Präsident des europäischen Fußballverbands Uefa hat er Korruption, Spielmanipulationen und der Verschuldung den Kampf angesagt. Bei der Auslosung der Champions-League-Gruppen in Monte Carlo vor zwei Wochen sparte er nicht mit harten Worten: „Es leuchten viele rote Warnlampen“, sagte der Franzose. „Setzt sich der Trend fort, riskiert der Profifußball den Ruin. Wir ziehen die Sache jetzt knallhart durch.“

Quelle: Klearchos Kapoutsis auf Flickr.com (CC BY 2.0)

Die Sache – damit meint Platini sein großes Reformwerk: die Financial-Fair-Play-Regeln. Sie sollen den Fortbestand des Fußballs sichern. Das Prinzip: Vereine dürfen künftig nicht mehr ausgeben als sie einnehmen. Reichen Mäzenen ist es nicht mehr erlaubt, Verluste aus dem Privatvermögen auszugleichen. Die Zeit drängt: Noch nie waren Europas Klubs derart in den Miesen, allein im mit vier Milliarden Euro verschuldeten spanischen Profifußball stehen 15 Vereine unter Insolvenzrecht. Der niederländische Verband stellte zuletzt 14 Vereine wegen Finanzproblemen unter seine Aufsicht. Selbst im reichen England ging vergangenes Jahr mit Portsmouth erstmals ein Erstligist pleite.

Nebenabsprachen mit den Stars

Setzt Financial Fair Play dem grenzenlosen Schuldenmachen ein Ende? Die Experten sind sich einig, dass die Uefa allemal auf dem richtigen Weg ist. Was die Effektivität der Regeln angeht, überwiegt jedoch die Skepsis. „Es gibt genug Mittel und Wege, wie man die Fair-Play-Regeln umgehen kann“, sagt Gerhard Schewe, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster. „Bei Verträgen mit Stars wie Cristiano Ronaldo gibt es so viele Nebenabsprachen, die gar nicht über die Vereine laufen müssen – das kann die Uefa alles kaum kontrollieren.“

Wolfgang Maennig, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg, erwartet, dass das Regelwerk immer wieder überarbeitet werden muss. Er vergleicht die Uefa-Regeln mit den Eigenkapitalrichtlinien für Banken: „Auf Basel I folgte Basel II, jetzt kommt Basel III“, sagt er. „Jede Regulierung hat sofort ihren Umgehungstatbestand, das ist eine eiserne Regel. Das ist so bei der Versteuerung von Zinseinkünften von Deutschen in der Schweiz, das zeigt sich auch beim stark reglementierten amerikanischen Profisport. Und das wird auch beim Financial Fair Play so kommen.“

Wie weit die Uefa den Finanztricks der Klubs einen Riegel vorschieben könne, werde sich zeigen, meint Maennig. „Man kann Vermögen auf viele Arten verschieben: einen Fonds oder ein Unternehmen im Ausland gründen, Angestellte bezahlen, die zur Familie eines Spielers gehören – oder statt eines Gehalts Geschenke in Form von Autos oder Häusern übergeben“, erläutert er. „Wichtig ist, dass die Uefa solche Tricks erkennt und die Regeln anpasst. Zumindest werden manche Vereine in Spanien und Italien nicht mehr ganz so wild haushalten können wie bisher.“ In Spanien verzögerte sich der Saisonstart nach Spielerstreiks wegen ausstehender Gehälter, auch Italiens Profis streikten am ersten Spieltag.

Optimistischer zeigen sich deutsche Fußballfunktionäre. Auf die Frage nach vermeintlichen Schlupflöchern äußert Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL): „Bei einem Workshop im Juni mit Vertretern der Uefa und der Bundesliga sind diesbezüglich keine Fragen offengeblieben.“ Liga-Präsident Reinhard Rauball zählt auf den Uefa-Chef: „Das Thema wird ganz eng mit der Bewertung der Amtszeit von Platini verknüpft bleiben. Es wird für ihn wichtig sein, wie das in der Praxis umgesetzt wird.“

Harter Kurs bei Manipulation

Hart durchgegriffen hat Platini bei Klubs, denen Spielmanipulationen zur Last gelegt werden. Den türkischen Meister Fenerbahce Istanbul schloss der nationale Verband auf Druck der Uefa von der Champions League aus. Der Klub klagt vor dem Internationalen Sportgerichtshof und fordert die Teilnahme ein. Der griechische Klub Olympiakos Volos wurde wegen Spielmanipulationen von allen europäischen Wettbewerben suspendiert.

Nächste Woche beginnt die Gruppenphase der Champions League – mit Meister Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Bayern München sind drei deutsche Klubs dabei. Gegen Manchester City, einen Gegner der Bayern, hat die Uefa eine Untersuchung eingeleitet. Der Klub gehört Scheich Mansour bin Zayed al Nahyan aus Abu Dhabi und ist das Paradebeispiel eines von einem reichen Mäzen aufgepäppelten Vereins. Gerade hat Manchester City einen Zehn-Jahres-Vertrag mit Etihad unterzeichnet. Die Fluggesellschaft aus Abu Dhabi überweist 400 Millionen Pfund – es ist einer der größten Sponsoring-Deals der Sportgeschichte. Anhand von Benchmarks will die Uefa nun prüfen, ob das Abkommen gegen das Financial Fair Play verstößt.

Noch geht es um Präzedenzfälle – und noch bleibt Zeit, bis die Vorschriften mit voller Härte gelten. Um in der Spielzeit 2013/14 zu den europäischen Wettbewerben zugelassen zu werden, darf das Defizit der beiden vorherigen Jahre zusammen 45 Millionen Euro nicht übersteigen. Ab 2015/16 verschärft sich die Regel: Dann dürfen in den drei Jahren zuvor insgesamt nicht mehr als 30 Millionen Euro Verlust angefallen sein. Ab der Saison 2018/19 sinkt die jährlich erlaubte Defizitgrenze auf fünf Millionen Euro.

Wer einen Vorgeschmack auf die Findigkeit der Fußballvereine in Sachen Finanzen haben möchte, der kann nach Spanien schauen: Hier rätselt das halbe Land über einen Transfer, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Hauptdarsteller ist der hochverschuldete Erstligist Real Saragossa, der sich zwar im Insolvenzverfahren befindet, trotzdem aber gerade einen neuen Torwart von Benfica Lissabon verpflichtet hat – für eine Ablöse von mehr als acht Millionen Euro. Saragossa selbst zahlt jedoch nur 86000Euro für den Spieler, den Rest begleicht eine andere Gesellschaft – eine Art Mietmodell.

Undurchschaubare Transfers

Das Konstrukt ist so kompliziert, dass selbst die portugiesische Börsenaufsicht bei Benfica Lissabon nachfragen musste. Die Transferrechte hat offenbar ein auf der Insel Jersey ansässiger Investmentfonds erworben, dem der Präsident von Saragossa angehören und bei dem ein Spielerberater die Fäden ziehen soll. Durch welche Kanäle das Geld genau fließt, ist bisher im Dunkeln geblieben.

Klar ist nur eines: Auf die Finanzexperten der Uefa wird in Zukunft viel Arbeit zukommen.

Ingmar Höhmann für das Handelsblatt

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