Jörg Wacker: „Wir wollen endlich Rechtsfrieden“

Bwin-Deutschlandchef Jörg Wacker erklärt im Interview, weshalb seine Firma auf Sponsoringdeals vorerst verzichtet.

Quelle: obs/bwin ek

Der Sportwettenmarkt ist im Umbruch. Viele Anbieter wollen mit massiven Werbeausgaben Marktanteile erobern. Warum ist Bwin so erstaunlich ruhig?

Jörg Wacker: Wir halten uns mit Werbung und Sponsorings bewusst zurück. Der Rechtsrahmen ist noch immer völlig unklar. Niemand weiß, wie das deutsche Glücksspielrecht künftig aussehen wird. Es gibt für uns keine Planungssicherheit, deshalb schließen wir auch keine Verträge, die wir womöglich gar nicht einhalten können.

Ihre Konkurrenz gibt sich zuversichtlicher. Viele Werbedeals sind unter Dach und Fach.

Wacker: In dieser Phase am Werbemarkt vorzupreschen, kommt auch einer Provokation gleich. Wir haben der Politik immer gezeigt, dass wir ein seriöser Partner sind.

Bereits jetzt wird in Deutschland gewettet, was das Zeug hält. Ist die Marktführerschaft von Bwin Party ohne Werbepräsenz in Gefahr?

Wacker: Aktuell können wir noch gut damit leben. Wir haben unsere Marke kontinuierlich aufgebaut, sie ist stark und vertrauenswürdig. Doch die Marketingausgaben mussten wir von 60 Millionen im Jahr 2006 auf nahezu null reduzieren. Unsere Marke findet seit anderthalb Jahren kaum noch statt. Allzu lange kann man aber nicht zusehen, wie die anderen Anbieter alles aufkaufen, was der Markt hergibt.

Bei Werder Bremen waren Sie schon einmal Hauptsponsor. Nächstes Jahr wird das Trikot wieder frei. Interessiert?

Wacker: Derzeit sind wir mit mehreren Bundesligisten im Gespräch. Viele Vereine kommen auf uns zu. Nur auf Trikots präsent zu sein, bringt sehr wenig. Das Sponsoring muss in die Marketingstrategie passen. Es erscheint mir nicht sehr strategisch, wie einige Mitbewerber momentan agieren.

Die Deutsche Fußball Liga erhofft sich von einer Marktöffnung Sponsorengelder von bis zu 200 Millionen Euro. Zu Recht?

Wacker: Dass die Wettbranche so viel Geld für Marketing ausgeben wird, halte ich für realistisch. Das wird aber nicht alles ins Fußball-Sponsoring fließen. Auch der Breitensport wird profitieren.

Der von der Bundesliga erhoffte Boom bleibt also aus?

Wacker: Nein, der Fußball wird von einer regulierten Öffnung des Sportwettenmarkts stark profitieren. Das zeigt schon der Vergleich zu den Topligen in England, Spanien und Italien: Es gibt meines Wissens dort keinen Verein, der keinen Wettpartner hat. Für die Klubs kann es einen Boom geben, der vergleichbar ist mit dem aktuellen Ansturm der Solarindustrie. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Markt auch tatsächlich geöffnet wird. Daran habe ich noch große Zweifel.

Warum?

Wacker: Eine beschränkte Marktöffnung wird es geben – doch die Frage ist, wie diese aussieht. Der vorliegende Entwurf für einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, der von 15 Bundesländern getragen wird, wäre nur eine Alibi-Öffnung. Die Spieleinsätze würden begrenzt werden – anders als beim stationären Angebot. Und im Zweifel bleibt für die privaten Anbieter keine Lizenz übrig, weil auch das staatliche Oddset um die sieben Konzessionen mit konkurriert. So ein Vertrag wäre faktisch eine Verlängerung des Monopols. Die EU-Kommission hat dies erkannt und den Entwurf regelrecht verrissen. Unter diesen Bedingungen werden wir definitiv keine Lizenz beantragen.

GLÜCKSSPIELKONZERN

Jörg Wacker ist seit 2006 Direktor des Sportwettenanbieters Bwin, der seit der Fusion mit der britischen Firma Party Gaming als Bwin Party firmiert. Der ehemalige Geschäftsführer des Internetportals Sport1 verantwortet das Deutschland-Geschäft des weltgrößten börsennotierten Glückspielkonzerns.

Bwin Party erwirtschaftet in Deutschland über ein Fünftel seines Gesamtumsatzes. Im ersten Halbjahr 2011 hat das Unternehmen wegen Restrukturierungskosten einen Verlust von 41 Millionen

Um die Steuern zu sparen?

Wacker: Wir wollen in Deutschland Steuern zahlen. Das geht aber nur, wenn man wirtschaftlich arbeiten kann. Bei einer Einsatzbesteuerung von 16,66 Prozent ist dies unmöglich. Wir erzielen bei Sportwetten einen Bruttorohertrag von acht bis zehn Prozent. Also müssten wir die Ausschüttung drastisch reduzieren – und wären mit unseren Quoten nicht mehr konkurrenzfähig. Der Wettmarkt würde komplett im ausländischen Schwarzmarkt bleiben.

Sie sträuben sich auch gegen eine Regulierung von Live-Wetten, die Suchtforscher als besonders gefährlich kritisieren.

Wacker: Ich kenne keine Studie, die das belegt. Hierzulande wird heuchlerisch argumentiert. 80 Prozent der Spielsüchtigen entfallen auf das Automatenspiel, das völlig legal betrieben wird. Bei Sportwetten ist Suchtverhalten extrem selten. Trotzdem: Wir setzen uns mit jedem Spieler in Verbindung, der sich auffällig verhält. Unsere Präventionsmaßnahmen sind deutlich höher als in staatlichen Kasinos.

Sie bieten auch Wetten darauf an, wer als nächster Gelb sieht. Sportverbände sehen ein Einfallstor für Manipulationen.

Wacker: Wir wären ja die ersten Geschädigten. Also begrenzen wir bei solchen Wetten den Gewinn auf geringe Beträge. Da lohnt es für niemanden, ein Spiel zu manipulieren. Auch in diesem Punkt sind wir für staatliche Kontrolle: Wetten mit einer hohen Anfälligkeit für Manipulationen, bei denen man auf einen Schlag 20000 Euro verdient, darf es nicht geben.

Am Mittwoch will Schleswig-Holstein ein liberaleres Glücksspielgesetz verabschieden – mit nur 20 Prozent Rohertragsabgabe. Zieht Bwin 2012 nach Kiel?

Wacker: Wenn das Gesetz so kommt, werden wir auf jeden Fall eine Lizenz in Schleswig-Holstein beantragen. Die dort geplante Regelung ist zumindest so marktkonform gestaltet, dass private Anbieter dem Konsumenten ein attraktives Angebot bieten und gleichzeitig Abgaben zahlen können.

Würden Sie mit der Kieler Lizenz auch deutschlandweit Wetten anbieten?

Wacker: Natürlich. Wir sind ein Online-Anbieter, und man kann ein lizenziertes Internetangebot nicht auf Schleswig-Holstein begrenzen.

Warum interessiert Sie dann überhaupt, zu welcher Lösung die übrigen Bundesländer noch kommen werden?

Wacker: Weil streiten keine Lösung ist. Es geht uns um Rechtsfrieden und Planungssicherheit. Wir möchten eine saubere Lösung, die auch mit dem Europarecht konform ist.

Wie viel würden Sie darauf wetten, dass das gelingt?

Wacker: Ich wette nicht. Aber ich hoffe, dass die Ministerpräsidenten am Ende erkennen, dass man nicht am Markt vorbeiregulieren kann.

Thomas Mersch und Mathias Peer für das Handelsblatt

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