Schuldenklub HSV: Wer schnappt sich die Macht?

Der Hamburger SV ist finanziell wie sportlich im Sinkflug. Jetzt müssen die Mitglieder entscheiden, ob man sich Investoren öffnet. Ohne deren Geld wird es eng.

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Meisterschaft, Pokalsieg, Champions-League-Titel. Für glorreiche Momente legen Fußballklubs stets spezielle T-Shirts auf. Der Hamburger SV hatte lange Zeit keinen guten Anlass mehr, ein Jubelhemd zu produzieren – der letzte Sieg im DFB-Pokal gelang 1987.

Und nun das: Anstecker für einen Euro, weiße Hoodies „in lässigem Style“ – Kostenpunkt 29,95 Euro –, „Jacquardschals in Bundesligaqualität – mit Fransen“ für 9,95 Euro. „Das ist auch mein HSV“ – dieser Spruch findet sich auf der Bestellware. Diese speziellen Fanartikel sind Statements: Am Sonntag steigt in Hamburg kein Derby, sondern die außerordentliche Mitgliederversammlung im Kongresszentrum CCH, die bis zu 10.000 Anhänger lockt. Es geht um die Zukunft des Bundesliga-Urgesteins. Die Bild-Zeitung meldet: „Explosions-Gefahr. Die große Sorge: Bricht der HSV auseinander?“

Ordentlich Alarm macht HSVPlus – eine Initiative, die nicht nur den alternativen Fanshop betreibt, sondern sich vor allem die Modernisierung des Klubs auf die Fahnen geschrieben hat. Am Sonntag kommt es zum Showdown – eine von HSVPlus vorgeschlagene Strukturreform steht zur Abstimmung. Der eigene Fanshop, eine aufwendige Homepage samt flott geschnittenem Erklärvideo – HSVPlus scheut keinen Aufwand, um für die eigene Mission zu werben.

Wie kontrovers um den HSV gestritten wird, zeigt sich sinnbildlich an den Schals der Initiative. Die einen tragen sie mit Stolz. Doch in Foren berichten Besucher davon, dass die Strickware auch schon die Klos im Bereich der Nordkurve verstopfte – in jener Kurve, in der die Ultras stehen. Reformer sind dort manchem Fan suspekt.

Anführer der Initiative ist der frühere HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff. Sein Hauptziel: Der noch komplett als eingetragener Verein (e.V.) organisierte Klub soll seine Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft auslagern und sich so für Investoren öffnen. Um sich geschart hat Rieckhoff alte HSV-Helden wie die Ex-Spieler Thomas von Heesen, Ditmar Jakobs und Holger Hieronymus. Aber auch prominente Wirtschaftsführer wie der Medienmanager Werner Klatten machen mit.

Ein glatter Durchmarsch ist nicht zu erwarten. Nicht nur bei Ultras der Nordkurve stößt die Initiative auf Widerstand. Allen voran stemmt sich Aufsichtsratschef Manfred Ertel gegen die Umgestaltung. Sein Credo: Konsolidierung des Klubs innerhalb bestehender Strukturen.

Ob das jedoch gelingt, bezweifeln zunehmend auch die Fans des HSV. In Foren finden sich viele zustimmende Kommentare zur Rieckhoff-Initiative, Online-Umfragen sehen ihn schon am Ziel. Denn die wirtschaftliche Lage beim Nordklub, der als einiges Gründungsmitglied der Bundesliga ohne Unterbrechung erstklassig ist, spitzt sich zu.

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In der Konzernbilanz – also der Gesamtbetrachtung inklusive Tochterunternehmen wie der HSV-Arena GmbH & Co. KG und der HSV-Vermögensverwaltungs GmbH – rutscht der Verein immer tiefer ins Minus. Der für die Saison 2008/09 ausgewiesene Gewinn von 12,8 Millionen Euro schmolz im Jahr darauf auf 0,5 Millionen Euro. In den drei zurückliegenden Spielzeiten gab es ein stetig wachsendes Minus – zuletzt betrug der Konzernverlust 8,4 Millionen Euro.

„Missmanagement kann es mit jeder Rechtsform geben“

Hinzu kommt eine Schuldenlast von rund 100 Millionen Euro. Das Konzerneigenkapital ist aufgezehrt – es wird zum Stichtag 30.06.2013 auf rund minus 17 Millionen Euro veranschlagt. Der Konzernumsatz dümpelte zuletzt um die 117 Millionen Euro – fünf Jahre zuvor waren es noch 161 Millionen. Sportlich bleibt der mehrfache deutsche Meister weit hinter den Ansprüchen zurück. In den letzten Spielzeiten verpasste der Klub den finanziell wichtigen Europapokal – in der Saison 2009/10 und 2008/09 hatten die Hanseaten zwei Mal das Halbfinale der Europa League erreicht. Derzeit belegt der HSV den wackligen Platz 14 der Bundesliga – nur zwei Punkte trennen den Klub vom Relegationsplatz 16.

Nicht immer agiert der Vorstand souverän. Mit der umstrittenen Ticketbörse Viagogo wurde im Herbst 2011 gegen massiven Widerstand der Fans erst eine Partnerschaft geschlossen – und dann doch wieder beendet. Viagogo kündigte daraufhin eine Klage an. Im Juni 2012 verlängerte Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow den Vertrag mit dem Vermarkter Sportfive vorzeitig bis 2020 – obwohl er noch kurz zuvor angekündigt hatte, dass sich der Klub wieder in Eigenregie vermarkten wolle. Denn das spart Provisionen, die in der Branche gerne mal 20 Prozent betragen. Im Gegenzug für die Unterschrift aber erließ Sportfive dem HSV einen Kredit in Höhe von 12,4 Millionen Euro.

Nun muss die Vereinsführung zuschauen, wie andere im Klub nach dem Ruder greifen. Zwingend sei die Ausgliederung der Profiabteilung nicht für den sportlichen Erfolg, sagt Christoph Breuer, Leiter des Instituts für Sportökonomie der Sporthochschule Köln. „Wichtiger als die Rechtsform ist, wie ein Klub gemanagt wird. Missmanagement kann es mit jeder Rechtsform geben.“ Allerdings könne eine Kapitalgesellschaft es ermöglichen, Investoren zu gewinnen. „Es macht eine Finanzspritze möglich, wenn etwa ein Klub finanziell mit dem Rücken zur Wand steht.“

Einträglicher freilich wäre ein Hinzuziehen von Investoren, wenn es rund liefe. Man müsse davon ausgehen, dass der Verkauf von Anteilen in sportlich erfolgreichen Phasen besser funktioniert, so Breuer. Als dramatisch bewertet er die Lage jedoch nicht: „Immerhin spielt der HSV noch in der ersten Liga.“

Geld soll zum Schuldenabbau genutzt werden

Aus ökonomischer Sicht ungeeignet sei aber auch die Organisationsform des e.V. nicht. „Sie hat einige Vorteile“, erläutert Breuer. „Da keine Gewinne ausgeschüttet werden können, ist es möglich, einen größeren Teil des Kapitals in Spieler zu investieren – das zahlt auf den sportlichen Erfolg ein.“ Anteilseigner einer Kapitalgesellschaft dagegen könnten Begehrlichkeiten entwickeln, dass Teile eines Gewinns als Rendite dem sportlichen Bereich entzogen werden.

Quelle: Kühne + Nagel

HSVPlus kann damit werben, dass die Ausgliederung der Profiabteilung in eine HSV Fußball AG unmittelbar Geld bringt. Der Milliardär Klaus-Michael Kühne, Mehrheitseigner des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, hat angekündigt, Anteile zu erwerben. Im September sagte der HSV-Fan in einem Interview: „Soweit bis zu 49 Prozent der Anteile an einer solchen Gesellschaft zur Disposition stehen, würde ich einen 10- bis 20-prozentigen Anteil ins Auge fassen.“ Er bevorzuge allerdings eine Lösung, in der auch andere Investoren je 9,9 Prozent übernehmen. Spekuliert wird, dass so insgesamt 100 Millionen Euro zusammenkommen könnten.

Im Vorfeld der Mitgliederversammlung bezog Kühne Anfang Januar in einer Pressemitteilung klar Stellung: „Ich bin nach gründlicher Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass die Initiative HSVPlus die beste Alternative zur bisherigen Vereinsstruktur darstellt. Deshalb kann ich mir vorstellen, dieses Konzept als strategischer Partner in größerem Umfang zu unterstützen.“ Jedes Rendite-Interesse weist Kühne von sich.

Wenig schmeichelhaft beschreibt der Unternehmer die Lage bei seinem Lieblingsklub: Der HSV „befindet sich in einer Negativspirale, die nur durch fundamentale Änderungen in der Grundstruktur und einhergehend mit der Neubesetzung wichtiger Schlüsselfunktionen in der Vereinsführung durchbrochen werden kann“. Und weiter: „Ein Aufsichtsgremium, zusammengesetzt aus vielen Menschen, aber davon zu wenigen, die von dem, was sie verantwortlich kontrollieren sollen, etwas verstehen, führt zu keiner hohen Qualität in den nach-gelagerten Organen. Die sportlichen und finanziellen Ergebnisse der letzten Jahre beweisen dies.“

Genutzt werden soll das Geld – so der Plan von HSVPlus – zum Abbau der Schulden. Wenn keine Zinsen mehr gezahlt werden müssen, schaffe dies Freiraum für neue Investitionen. Zudem hofft man auf neue Sponsoren, die den Umsatz steigern. „Eine Entschuldung ist immer eine hervorragende Entscheidung“, sagt Breuer. „Fußball-Unternehmen müssen in der Regel für Bankkredite deutlich höhere Zinsen bezahlen als andere Unternehmen, denn ihr Geschäft ist riskanter.“

Ein Allheilmittel jedoch sei der Einstieg von Investoren nicht, sagt Marc Strauß, Diplom-Fußballmanager und Wissenschaftler am Centrum für Bilanzierung und Prüfung der Universität des Saarlandes. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es eine einmalige Zahlung ist. Mit dem Geld von Investoren nur Löcher zu stopfen und weiter Verluste zu schreiben, macht auf Dauer keinen Sinn. Das Ziel muss immer zumindest ein ausgeglichenes Jahresergebnis sein.“

Gegner fürchten Einflussnahme der Investoren

Aus rechtlicher Sicht spricht im Profifußball alles für die Kapitalgesellschaft. „Die Ausgliederung der Profiabteilung ist losgelöst von irgendwelchen Anteilsverkäufen die richtige Entscheidung“, sagt der auf Sportrecht spezialisierte Rechtsanwalt Martin Stopper von der Münchener Kanzlei Lentze Stopper. „Es sollte grundsätzlich die Struktur geschaffen werden, die für eine Unternehmung mit Millionenumsatz geschaffen wurde.“ Ein entscheidender Vorteil der Kapitalgesellschaft: „Sie ist in ihrer Haftung beschränkbar“, sagt Stopper. „Schlechtes Wirtschaften betrifft dann nur den Profifußball, der Restverein bleibt unbeschadet.“ Ansonsten hafte der Gesamtverein.

Sechs Bundesligisten – darunter auch Schalke 04 und der VfB Stuttgart – haben die Profiabteilung bislang nicht ausgelagert. Stopper sieht dies kritisch: „Die Gefahr der Rechtsformverfehlung ist realistisch und besteht permanent. Es gilt das Gebot der Selbstlosigkeit, das nach höchstrichterlicher Rechtsprechung nicht besteht, wenn eigenwirtschaftliche Zwecke im Vordergrund stehen. Eigentlich bewegen sich Profi-Klubs insoweit nicht einmal mehr in einer Grauzone.“

Wäre die Lage bei den HSV-Profis allein durch eine neue Rechtsform besser? „Zumindest gäbe es dadurch seriöse Wege der Fremdfinanzierung, die dann nicht etwa über fragwürdige Transfererlösmodelle errichtet werden müssten“, sagt Stopper. Medienberichten zufolge stellte Klaus-Michael Kühne dem HSV im Jahr 2010 die Summe von 12,5 Millionen Euro für Spielerkäufe zur Verfügung – und erhielt im Gegenzug eine Beteiligung von einem Drittel an den Transferrechten.

Gegner des Modells HSV Fußball AG fürchten zudem eine Einflussnahme möglicher Investoren. So hatte Kühne in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwa für Sportchef Oliver Kreuzer nahegelegt, „eine faire Lösung zu finden“. Damals sprach er sich für Felix Magath als neuen starken Mann beim HSV aus.

Bei der Mitgliederversammlung geht es nicht nur um HSVPlus. Vier weitere Reformmodelle stellen sich als Alternative vor – jeweils 25 Minuten Redezeit sind vorgesehen. Das Ex-Mitglied des HSV-Seniorenrats Wolfgang Müller-Michaelis schlägt eine Stiftung vor – auch dies sieht die Möglichkeit vor, dass die Profiabteilung als Kapitalgesellschaft Investoren einwirbt.

Kaum Gemeinsamkeiten der beiden Lager

Unter dem Motto „Zukunft mit Tradition“ tritt Ex-Präsident und Aufsichtsrat Jürgen Hunke an – er will keine Investoren. „Die Seele des Vereins ist unantastbar“ heißt es auf der Homepage der Initiative. Eine neue Satzung solle „dem Management unserer Bundesliga-Mannschaft Entscheidungsfreiheit gewähren“. Ähnliche Pläne verfolgen die Supporters, die wichtigste Fangruppierung im Klub.

Quelle: Hamburger Sport-Verein

Die Fan-Initiative Rautenherz dagegen fordert eine Ausgliederung – jedoch nicht als AG, sondern als GmbH & Co. KG auf Aktien. Diese Variante ist in der Fußball-Bundesliga die häufigste – sie belässt die Stimmanteile zu 100 Prozent beim Verein. „Eine Ausgliederung nach dem AG-Konzept von HSVPlus bedeutet die Aufgabe des Einflusses der Mitgliedschaft zu Gunsten des Kapitals“, heißt es auf der Homepage.

Oder wird die Entscheidung doch noch verschoben? Darauf zielt der Plan des stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats Eckart Westphalen. Er will am Sonntag keine Abstimmung, sondern plädiert für eine Kommission, die ein alternatives Modell erarbeitet. Er fürchte Zerrissenheit nach einer Kampfabstimmung, sagt er. Auch wenn doch abgestimmt wird, ist dies zunächst ein Auftrag an die Reformer. Bei einer weiteren Mitgliederversammlung im Sommer wären dann drei Viertel der Stimmen nötig, damit ihr Plan in die Tat umgesetzt wird.

Doch Gemeinsamkeiten finden sich kaum noch bei den Fürsprechern der Investoren und ihren Gegnern. Rastlos ziehen sie durch Talkrunden und verteidigen ihre Ideen. Beim Regionalsender Hamburg 1 trafen sich Anfang der Woche HSVplus-Mann Rieckhoff, Hunke und Aufsichtsratschef Ertel. Hanseatisch der Akzent, angemessen respektvoll der Umgang. Näher aber kommt man sich nicht. Im Gegenteil, das zeigte ein Kommentar von Ertel: „In jedem Unternehmen wird auf einen 24,9-prozentigen Anteilseigner Rücksicht genommen“, konterte er die Erläuterungen Rieckhoffs, dass man die Macht der Investoren im Zaum halten werde. „Dass der keinen Einfluss auf Unternehmensentscheidungen hat, das kann man doch nur in der Klippschule jemandem erzählen.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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