Mönchengladbach will Viagogo verklagen

Stephan Schippers, Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, kündigt im Interview eine härtere Gangart gegen den überteuerten Weiterverkauf von Tickets an.

Quelle: Borussia Mönchengladbach

Herr Schippers, Sie empfangen heute Bayern München zum Rückrundenauftakt im Borussia-Park. Der Klassiker ist natürlich ausverkauft. Allerdings bietet das Portal Viagogo Tickets aus zweiter Hand an – für die günstigste Einzelkarte müsste man dort aktuell (Stand 22. Januar) gut 454 Euro bezahlen. Wie sehr irritiert Sie das?

Es stört uns immens. Wir wollen jedem Fan die Möglichkeit geben, hier zu den normalen Eintrittspreisen, solange Karten verfügbar sind, ins Stadion zu kommen. Da brauchen wir keine Agenturen oder Zwischenhändler, die Karten künstlich verknappen und sie zu maßlos überteuerten Preisen an die teilweise verzweifelten Fans geben. Wir gehen deswegen auch mit juristischen Mitteln gegen Viagogo vor.

Borussia Mönchengladbach verklagt Viagogo?

Borussia hat Viagogo zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert. Diese Erklärung bezieht sich auf die Weiterveräußerung von Tickets für Heimspiele von Borussia Mönchengladbach. Viagogo hat die Frist, um auf diese Aufforderung zu reagieren, verstreichen lassen und auch nicht auf die Aufforderung reagiert. Die von uns angekündigten weiteren rechtlichen Schritte sind noch nicht eingeleitet worden. Eine Klage ist noch nicht anhängig.

Bereiten Sie die Klage jetzt vor?

Ja, wir wollen Viagogo Einhalt gebieten.

Das ist Stephan Schippers
Der gebürtige Mönchengladbacher ist Betriebswirt und Steuerberater. Nach fünf Jahren Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung wechselte er 1999 in die Geschäftsführung von Borussia Mönchengladbach. Zudem sitzt Schippers heute im Aufsichtsrat der Deutschen Fußball Liga.

Die Betreiber solcher Weiterverkaufsplattformen berufen sich ja darauf, der Handel mit Fußballkarten müsse ähnlich legal sein wie der mit Gebrauchtwagen. Und Viagogo betont laut Homepage: „Sie kaufen Ihre Tickets von einem Drittanbieter, Viagogo ist nicht der Verkäufer der Tickets.“ Sie schenken dem keinen Glauben?

Nein. Fakt ist: Bei Viagogo stellen auch Privatpersonen Karten ein. Und manche Vereine, die eine Kooperation mit Viagogo eingegangen sind, stellen ebenfalls Kontingente zur Verfügung, die über die Plattform den Besitzer wechseln. In unserem Fall war es so, dass ein Kunde Karten bei Viagogo gekauft hat, die es noch gar nicht gab. Und Viagogo hat dann bei uns Karten eingekauft, um die Nachfrage zu bedienen.

Zur interaktiven Grafik: Aufruhr im Viagogo-Land

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Es wäre höchst interessant, wenn ein vermeintlicher Ticketmarktplatz Karten ins eigene Inventar nähme, um eine Nachfrage zu bedienen…

Das ist unser Kritikpunkt. Wir wollen vermeiden, dass Viagogo weiterhin mit den Karten von Borussia Mönchengladbach hausieren geht.

Sie haben sich in der Vergangenheit klar gegen eine Kooperation mit Viagogo ausgesprochen – und sind damit neben Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen einer der pointiertesten Gegner der Ticketschiebereien in der Bundesliga. Hat bei Ihnen niemand mit Geld gewedelt?

Doch, natürlich. Viagogo hat uns seinerzeit für einen hohen sechsstelligen Betrag pro Jahr eine Kooperation angeboten. Wir haben dies jedoch abgelehnt. Fußball muss bezahlbar bleiben, wir wollen unseren fairen Preisansatz behalten. Wir haben unsere Eintrittspreise über all die Jahre sehr behutsam festgelegt und beispielsweise über acht Jahre die Preise nicht erhöht. Unsere teuerste Karte kostet 44,50 Euro. Wir wollen nicht links und rechts Quereinsteiger oder Trittbrettfahrer haben, die auf dem Rücken der Fans Geld verdienen.

Sie hätten ja über einen Deal mit Viagogo mitverdienen können. Andere Klubs waren da nicht zimperlich…

Über das, was andere Klubs machen, sprechen wir nicht. Ich kann nur von Borussia Mönchengladbach sprechen. Auch wenn wir absehen könnten, dass wir bei einem Spitzenspiel die letzten 500 Karten zu einem teureren Preis verkaufen könnten, das lehnen wir ab, denn das empfinden wir nicht als fair.

Auch Bayer Leverkusen will mit einer einstweiligen Verfügung verhindern, dass Viagogo noch nicht auf dem Markt befindliche Karten anpreist und den Eindruck erweckt, der Klub würde dies unterstützen oder tolerieren. Dreht derzeit die Stimmung gegen den Anbieter?

Wir sehen uns im Kontext von einigen Bundesligaklubs, die damit nicht einverstanden sind. Wir wollen nur, dass unsere Kartenpolitik und unsere Ticket-AGB genauso eingehalten werden. Da wollen wir nicht, dass beispielsweise Viagogo hingeht und für die Spitzenspiele, aber kurioserweise andere auch, Karten überteuert in den Markt schmeißt. Manchmal schnellen ja auch Kartenpreise im Sekundärmarkt in die Höhe, obwohl das Stadion gar nicht ausverkauft ist. Weil vielleicht die Information gar nicht draußen ist.

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Als Traditionsverein mit einer Stadionkapazität von 54.000 Plätzen haben Sie die Zahl der Dauerkarten auf 30.000 gedeckelt. Sie hätten gut noch mehr verkaufen können – und Einnahmen sicher gehabt. Warum der Verzicht?

Wir haben eine Fangemeinde, die weit über die Stadtgrenzen hinaus geht. Viele haben nicht die Möglichkeit, für alle 17 Heimspiele nach Mönchengladbach zu kommen. Aber trotzdem wollen wir ja, dass sie die Bindung haben und die Gelegenheit, hin und wieder hier Fußball zu gucken. Sprich: Wir wollen ein ausreichendes Kontingent an Tageskarten zur Verfügung stellen.

Nun kommt es ja vor, dass man ein Spiel wider Erwarten nicht besuchen kann. Bei Viagogo läuft der Verkauf anonym ab. Wie gehen Sie damit um, wenn Karten bei Ebay vertickt werden?

Wir überwachen die Auktionen. Nehmen wir das heutige Spiel gegen Bayern München: Die verfügbaren Tageskarten sind ausschließlich an unsere Mitglieder gegangen. Wenn ein Mitglied eine Karte doch mal nicht nutzen kann und sie ins Internet einstellt, machen wir darauf aufmerksam, dass er dies nicht zu einem höheren Preis tun soll als dem, der draufsteht. Sonst fordern wir ihn auf, das Angebot wieder runter zu nehmen.

Anhand Ihrer Ticket-AGB haben Sie sich das Recht vorbehalten, sich sagen zu lassen, an wen bei einem Privatverkauf das Ticket vergeben wurde. Halten Sie das tatsächlich nach?

Wir versuchen es nachzuhalten, auch wenn es sich um eine große Anzahl handelt. Wir haben eine Aufklärungsquote von 90 bis 95 Prozent.

Was glauben Sie: Handeln auch Sponsoren munter mit ihren Ticketkontingenten auf den Internetplattformen?

Ich glaube nicht, dass Sponsoren dies tun. Es könnte vielmehr gezielt der eine oder andere Karten kaufen, obwohl er weiß, dass er nicht zum Spiel gehen wird. Ob das dann „Fans“ sind, muss man sich fragen. Oder ob das organisiert ist.

Foto: Borussia Mönchengladbach

Fanklubs bekommen auch Kontingente vom Klub. Viagogo hat laut TV-Berichten in der Vergangenheit gezielt zu Fanklubs Kontakt aufnehmen wollen. Ist dies eine Bezugsquelle?

Da denke ich, dass unsere Fanklubs sauber sind. Gerade bei den Spitzenspielen wollen natürlich die Fanklubs viele Karten haben. Da muss man schauen, dass das gerecht verteilt wird. Und der Fanklub, der 50 Karten anfordert und nur zehn bekommt, wird sicherlich nicht nochmal einen gewissen Teil bei Viagogo einstellen. Also, ich bin überzeugt, dass dies nicht der Weg ist.

Andere Vereine sehen es mit einem weinenden Auge, dass eben noch mehr Zahlungsbereitschaft in der Spitze da ist – das zeigen solche Börsen ja – und versuchen eben mit zu partizipieren, wenn es ums Abschöpfen geht. Sie regeln das Ticketing ja im Alleingang. Haben Sie vor, einen eigenen Zweitmarkt zu eigenen Gunsten zu etablieren?

Wir wollen natürlich, dass unser Stadion ausverkauft ist, aber zu dem Preis, zu dem wir an den Markt gehen. Schauen Sie sich unseren Füllgrad an: wir haben bei einer Kapazität von 54.000 einen Zuschauerschnitt von 51.500.

Auch das Sicherheitsargument wird ins Feld geführt, wenn über eine nicht organisierte Weitergabe von Tickets gesprochen wird. Haben Sie erlebt, dass über Kanäle des Sekundärmarktes die falschen Fans ins Stadion gekommen sind?

Ein ungeregelter Sekundärmarkt ist da hinderlich. Weil manch einer nur nach dem Geld schaut und nicht nach dem sicheren Ablauf. Wir haben ja Regeln, wonach man zum Beispiel als erkennbarer Gastfan nicht in die Nordkurve kommt. Wenn Karten über Ebay versteigert werden, kauft sie aber jemand vielleicht unwissend in den falschen Bereichen. Insofern kann es zu Irritationen führen. Wenn so jemand mit dem Gasttrikot in den falschen Block will, filtern wir ihn am Eingang heraus und schieben ihn – nach Verfügbarkeit – in die Gastbereiche hinein.

Wie schätzen Sie Viagogo und Ebay unter dem Aspekt des Verbraucherschutzes ein?

Wir wollen aufklären und warnen: Bitte mit dem Schwarzhandel vorsichtig sein, auch wenn dieser organisiert erscheint. Es kann ja sein, dass jemand seine Karte anbietet, diese uns gegenüber aber noch nicht bezahlt hat. Durch das elektronische Zutrittssystem haben wir Möglichkeiten, Karten herauszufiltern und zu prüfen, wer derjenige ist, der die Karte erworben hat und wer derjenige ist, der am Drehkreuz steht. Stellen Sie sich vor, die Lastschrift platzt, wir mahnen an. Und wenn dann nichts passiert, wird die Karte auch gesperrt. Aber das sehen sie der Karte ja nicht an, wenn Sie die erwerben. Der Kauf bei Viagogo garantiert keinesfalls den Eintritt.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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