Felix Holzhäuser zum Schwarzmarkt: „Die Verbraucherschutzbehörden sind untätig“

Anwalt Felix Holzhäuser sieht im Aufbau einer DFL-Ticketbörse einen guten ersten Schritt – hält aber weitere Maßnahmen für nötig.

Quelle: Lentze Stopper

Die DFL zieht eine eigene Ticketbörse in Betracht. Ein Schachzug, der Sie überrascht?

Nein, im Gegenteil. Ich sehe eine offizielle Ticketbörse seit Jahren als eine der effizientesten Maßnahmen im Kampf gegen den Ticketschwarzmarkt. Es freut mich sehr, dass die DFL diese Maßnahme nun aufgreift. Bisher müssen die Fans, die ihr Ticket ganz ohne Gewinnabsicht weitergeben wollen, weil Sie es ausnahmsweise einmal nicht nutzen können, auf den Schwarzmarkt ausweichen. Wenn es hierfür bald eine offizielle Alternative gibt, sollte das die Bezugsquellen des Schwarzmarkts zumindest in Teilen austrocknen. Zudem können so auch die Fans einmal zum Zug kommen, die sich erst kurzfristig entscheiden oder ausnahmsweise mal eines der Topspiele besuchen wollen, für die regelmäßig auf dem Erstmarkt nur schwer Karten zu bekommen sind – und dies alles auf offiziellem Weg.

Am morgigen Freitag trifft sich erstmals der DFL-Arbeitskreis, der konkrete Vorschläge ausarbeitet. Ihre Prognose: Kommt es ab der Saison 2015/16 zur zentralen Börse? Und machen alle 36 Klubs mit?

Die DFL scheint entschlossen, die Idee einer zentralen Ticketbörse in die Tat umzusetzen, ich bin hier also sehr zuversichtlich. Ob tatsächlich im ersten Zug alle 36 Klubs mitmachen, ist zweitrangig. Natürlich wäre das wünschenswert, aber erfahrungsgemäß ist es nicht immer einfach, die Interessenlagen von allen 36 Klubs unter ein Dach zu bekommen. Einige Klubs unterhalten bereits eigene Tauschbörsen oder stehen unmittelbar vor dem Launch, einige arbeiten mit Dritten wie Viagogo zusammen. Eine Komplettabdeckung wird daher im ersten Schritt sicher schwierig. Allerdings glaube ich schon, dass die DFL gute Argumente hat, mittelfristig alle Vereine einzubinden.

Das ist Felix Holzhäuser
Dr. Felix Holzhäuser ist Associate Partner bei der auf Sportrecht spezialisierten Kanzlei Lentze Stopper Rechtsanwälte aus München. Er berät nationale und internationale Verbände sowie Vereine in sportrechtlichen Fragestellungen und vertritt deren Interessen auch gerichtlich. Insbesondere das Ticketing stellt seit Jahren eines seiner Spezialgebiete dar.

Wer kommt als Betreiber in Frage?

Eine klubübergreifende Plattform ist sicher besser als ein Flickenteppich aus verschiedenen Konzepten von verschiedenen Klubs. Ist die Zielgruppe die Bundesliga, drängt sich natürlich die DFL als Betreiber einer solchen Plattform auf. Soll es in Zukunft gelingen, auf nationaler Ebene auch Spiele des DFB-Pokals oder Länderspiele zu erfassen, ist auch an den DFB zu denken. Das ist aber sicherlich Zukunftsmusik, man tut hier gut daran, Schritt für Schritt vorzugehen.

Es wäre eine utopische Vorstellung, dass man den Schwarzmarkt innerhalb kürzester Zeit komplett trocken legt. – Felix Holzhäuser

Kommt die Initiative der DFL noch rechtzeitig?

Es wäre eine utopische Vorstellung, dass man den Schwarzmarkt innerhalb kürzester Zeit komplett trocken legt. Dafür ist der Markt schon zu weit entwickelt und es ist zu viel Geld damit zu verdienen. Auch die geltende Rechtslage in Deutschland ist in dieser Hinsicht zu ungünstig aus Sicht der Vereine und Verbände. Es kann in meinen Augen immer nur darum gehen, die Uhr Stück für Stück zurück in Richtung der Vereine und Verbände, vor allem aber zu Gunsten der echten Fans zurückzudrehen. Hier muss ich aber ganz klar sagen, die jetzige Initiative der DFL zur Ticketbörse ist vielleicht nicht das Allheilmittel, aber sicherlich ein zentraler und wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Die DFL scheint auf sozialen Druck zu setzen. Reicht das?

Neben dem Erhalt der sozialen Preisstruktur, ist die Sicherheit in den Stadien natürlich ein zentrales Thema. Auch auf einer DFL-Tauschbörse muss sichergestellt werden, dass zum Beispiel Rechtsextreme oder Hooligans keine Tickets erwerben können. Wer auf dem Erstmarkt kein Ticket bekommt, darf auch auf dem Zweitmarkt kein Ticket bekommen – dies gilt für den autorisierten und den nicht autorisierten Zweitmarkt. Auch die Fantrennung muss bestmöglich gewährleistet werden. Ich halte es für sehr wichtig, dass man die Ticketbörse mit einer Vielzahl weiterer Maßnahmen flankiert. Nur dann kann sie ihren Zweck erfüllen.

Die juristischen Möglichkeiten im Kampf gegen den Schwarzmarkt sollen weiter ausgeschöpft werden. – Felix Holzhäuser

„Flankieren“ klingt gut. Aber womit konkret?

PR-seitig müssen die Vereine und Verbände weiterhin bei ihren Kunden Aufklärungsarbeit leisten, dass jeder Weiterverkauf über eine nicht autorisierte Plattform den Markt letztlich zu ihren Lasten verändert. Auch die juristischen Möglichkeiten im Kampf gegen den Schwarzmarkt sollen selbstverständlich weiter ausgeschöpft werden. Hier haben glücklicherweise einige Vereine und Verbände in den letzten Monaten bereits die Zeichen der Zeit erkannt und sind aktiver geworden. Und die Zusammenarbeit der Klubs über eine gemeinsame Börse hinaus kann noch weiter verbessert und sollte wohl auch institutionalisiert werden. Zudem sind die Verbraucherschutzinstanzen in Sachen Ticketing in Deutschland bisher sehr untätig, auch diesbezüglich sollte man nachbessern.

Was raten Sie Klubs, denen die Auswüchse des Zweitmarkts in der Zwischenzeit zu weit gehen?

Ein erfolgreiches und vor dem Hintergrund der geltenden Rechtslage möglichst effizientes Vorgehen gegen diese Auswüchse erfordert vor allem eine durchdachte mittel- und langfristige Strategie, die sämtliche eben beschriebenen Facetten berücksichtigt. Andernfalls verkommt ein Vorgehen eines Klubs gegen den Ticket-Schwarzmarkt schnell zum Strohfeuer.

Sie haben Bayer Leverkusen beim Erwirken einer einstweiligen Verfügung gegen Viagogo beraten. Man hört, auch vom DFB habe Viagogo kritische Post bekommen. Wie ist da der Stand der Dinge?

Zu konkreten Mandatsbeziehungen will und darf ich mich nicht äußern.

Eine faire DFL-Ticketbörse könnte ja auch bedeuten: Ein schöner Marktplatz für all jene, die sich billig mit Tickets eindecken möchten, um sie dann andernorts mit Gewinn weiterzuverkaufen. Wie schiebt man dem den Riegel vor?

Die DFL-Ticketbörse ist zwar ein zentrales Element, sie wird aber nur im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen funktionieren. Andernfalls kann die Börse auch schnell zum Eigentor werden. Ich bin mir allerdings sicher, dass die DFL dies auch erkannt hat und den Kampf gegen den Ticketschwarzmarkt nicht auf den Baustein Ticketbörse reduziert. Sowohl bei der DFL als auch bei den beteiligten Vereinen arbeiten erfahrene Leute, die sich ganz bestimmt auch der Risiken sehr bewusst sind und passende Lösungen hierfür entwickeln.

Foto: Malte Laub, JP4

Wie beurteilen Sie Viagogo unter dem Aspekt des Verbraucherschutzes?

Fest steht in jedem Fall, dass die Verbraucherschutzbehörden in dieser Hinsicht bisher sehr untätig waren. Man muss sich einen typischen Verkaufsvorgang bei den bekannten Plattformen einmal genauer anschauen: Die Preise werden nicht transparent aufgeschlüsselt, die eingeforderten Gebühren sind exorbitant, man muss teilweise Monate vor Erhalt der Tickets im Voraus bezahlen und bekommt dann am Ende oftmals noch ein anderes Ticket als man bestellt hat. Um das Fass zum Überlaufen zu bringen, muss man das Ticket dann noch in dunklen Hinterzimmern abholen und dubiose Schreiben unterzeichnen, in denen man sich unter Androhung einer Vertragsstrafe verpflichtet, das gekaufte Ticket nach Benutzung wieder zurückzubringen. Da ist der deutsche Gesetzgeber schon in anderen Konstellationen zum Schutz der Verbraucher aktiv geworden.

Viagogo tritt in vielen Fällen als Verkäufer der Tickets auf. – Felix Holzhäuser

Ist Viagogo umsatzsteuerrechtlich Verkäufer der Karten? Die Firma erhebt ja nur Umsatzsteuer auf die Gebühren, nicht auf den Kartenwert…

Nach unserer Kenntnis tritt Viagogo in vielen Fällen als Verkäufer der Tickets auf, nicht nur im umsatzsteuerrechtlichen Sinn. Sogar wenn die von Viagogo vorgegebene Variante zutrifft, und sämtliche dort angebotenen Karten von „echten“ Fans stammen, die eigene Tickets „nur“ weitergeben, geriert sich Viagogo doch in den allermeisten Fällen als Verkäufer: Man wickelt den Transport der Tickets ab, verheimlicht den Namen des eigentlichen Verkäufers, gibt angebliche Garantien gegenüber dem Käufer ab und kümmert sich auch um das Inkasso – recht viel Leistung für eine reine Handelsplattform…

Unter dem Strich: Glauben Sie, dass sich der Zweitmarkt noch regulieren lässt?

Es hat immer einen Schwarzmarkt für Fußballtickets gegeben – und es wird auch in Zukunft immer einen solchen Markt geben. Die entscheidende Frage ist nur, ob wir den Umfang hinnehmen wollen, den der Schwarzmarkt in den letzten Jahren erlangt hat – getrieben durch die Möglichkeiten im Internet, die steigende Nachfrage nach Karten und nicht zuletzt auch die Entwicklungen der Rechtslage. Hier wird dem Fußballkreislauf in nicht unerheblichem Umfang Geld entzogen und es werden neue Sicherheitsrisiken begründet – und alles auf dem Rücken der einfachen Fans. Wenn wir diese Entwicklung nicht hinnehmen wollen, bleibt uns aus meiner Sicht nichts anderes übrig, als die uns zur Verfügung stehenden Mittel bestmöglich auszuschöpfen.

Oft hilft ja in letzter Linie der Gesetzgeber. Hier auch?

Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn der deutsche Gesetzgeber sich ein Beispiel an Ländern wie England nimmt und diesbezüglich zum Schutz des Sports und den Fans aktiv wird. Dort ist ja der Schwarzmarkt durch gesetzliche Verbote sehr erfolgreich in seine Schranken gewiesen worden. Aber wir müssen uns nichts vormachen, hier ist noch eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten. Aus dem Auge verlieren sollte man dieses Ziel nach meiner festen Überzeugung dennoch nicht.

Haben Sie vielen Dank für das Interview.

Stefan Merx für JP4

 

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