Fußballtransfers: Das Jahr der Wahrheit

2014 besteht die Chance, das gesamte Transferwesen zu reformieren – und fragwürdige Geschäftspraktiken über Bord zu werfen. Deutschland könnte Vorreiter sein

Auch ein Weltfußballer wird manchmal kalt erwischt. Durfte Cristiano Ronaldo noch vor kurzem beruhigt davon ausgehen, mit einer Ablöse von 94 Millionen Euro Hauptdarsteller beim teuersten Spielertransfer der Welt gewesen zu sein, kam jetzt die bittere Wahrheit zutage: Der Brasilianer Neymar dürfte noch etwas mehr gekostet haben als der eitle Portugiese.

Quelle: FC Barcelona

Der Skandal: Nicht nur Ronaldo war nicht informiert worden – die gestückelte Zahlung von angeblich insgesamt 95 Millionen Euro lief so heimlich ab, dass gar Barcelona-Präsident Sandro Rosell über den von ihm eingefädelten undurchsichtigen Deal stolperte. Jetzt ermittelt die spanische Justiz, Rosell trat zurück.

Schon im vergangenen Oktober hatte die Klubführung von Barcelona die ursprünglich bekannt gegebenen 57 Millionen Euro Ablöse für Neymar auf knapp 65 Millionen erhöht. Es seien Vorkaufsrechte für drei Talente von Neymars Klub FC Santos nicht eingerechnet worden. Wie aus dem Nichts kamen nun noch einmal 30 Millionen Euro dazu, die angeblich Neymars Vater erhalten hat. So entstand die Rekordsumme, die keine Eitelkeit befriedigt, sondern die Fußballbranche aufrüttelt.

Intransparenz als Basis für krumme Geschäfte

„Der Fall Neymar zeigt, wie wichtig es ist, dass endlich Transparenz ins internationale Transferwesen einzieht“, sagt Gregor Reiter, Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung. „Das herrschende System begünstigt Vorgänge wie im Fall Neymar.“ Die DFVV dringt seit Jahren darauf, in der Beraterbranche die Spreu vom Weizen zu trennen – und damit auch mögliche Kickback-Zahlungen an Funktionäre zu verhindern.

„Die Transparenz der Finanzströme ist aus unserer Sicht das A und O, um den Beratermarkt zu regulieren“, so Reiters Credo. „Machenschaften wie aktuell in Barcelona schaden dem Fußball. Das System krankt daran, dass bisher zu viele nicht das Interesse des Vereins und des Spielers in den Vordergrund stellen, sondern ihr eigenes Portemonnaie.“

Rasant steigen die Transfersummen – das zeigt ein Mitte dieser Woche vom Weltfußballverband Fifa veröffentlichter Bericht. Betrachtet wurden dabei die grenzüberschreitenden Wechsel. Deren Zahl stieg 2013 um vier Prozent – die Höhe der Ablösezahlungen jedoch legte um 41 Prozent auf gut 2,7 Milliarden Euro zu. Kräftig verdienten die Spielerberater mit. Sie konnten ihre Einnahmen um 30 Prozent auf knapp 160 Millionen Euro erhöhen.

In England laufen Transfers in einer Höhe ab, bei der man nur den Kopf schütteln kann. – Wolfgang Holzhäuser

Zentraler Marktplatz ist Europa – 45 Prozent der grenzüberschreitenden Fußball-Deals finden zwischen Ländern des Kontinents statt. 497 Millionen Euro gaben allein englische Klubs 2013 für Transferzahlungen aus – 25 Prozent des globalen Volumens. „England ist ein Spezialfall“, sagt Wolfgang Holzhäuser, der bis zum Herbst die Geschäfte des Bundesligisten Bayer Leverkusen führte. „Hier laufen Transfers in einer Höhe ab, bei der man nur den Kopf schütteln kann. Selbst für Spieler, deren Namen man noch nie gehört hat, werden kurz vor dem Schließen des Transferfensters enorme Summen aufgerufen.“

Von Juan Mata bis Jae-Cheol Koo: Das sind die teuersten Transfers im Winter.

Anders dagegen die Bundesliga: Die Klubs verstärken sich im Winter vor allem, um Verletzungen oder Formschwankungen auszugleichen. Deshalb überwiegen auch Leihgeschäfte. Nur ein wirklich teurer Deal fand statt: Für 20 Millionen Euro eiste der VfL Wolfsburg beim FC Chelsea den Mittelfeldspieler Kevin de Bruyne los.

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Höhere Überweisungen leisten sich die Bundesligaklubs dagegen im Sommer. Die Finanzkraft ist zuletzt erneut gestiegen. Gerade erst hat die Deutsche Fußball Liga mit 2,17 Milliarden Euro für die Spielzeit 2012/13 einen neuen Umsatzrekord ausgewiesen.

Das spiegelt sich auch in der Transferstatistik der Fifa-Tochterfirma Transfer Matching System (TMS). Noch im Jahr 2011 war Deutschland ein Nettoempfänger auf dem internationalen Transfermarkt: Elf Millionen Euro flossen durch grenzüberschreitende Transaktionen mehr nach Deutschland hinein als heraus. Spanien zeigte sich damals noch kauflustig – und gab etwa 66 Millionen Euro mehr aus für Top-Spieler aus dem Ausland als es einnahm.

Binnen zwei Jahren hat sich die Wettbewerbsposition drastisch gewandelt: Deutschland tritt gleichbleibend als potenter Käufer auf, verzeichnet aber deutlich weniger Abgänge ins Ausland: So lagen die Nettoausgaben im Jahr 2013 nach TMS-Zahlen um 74,5 Millionen Euro höher als die Einnahmen. Spanien backt mit 171 Millionen Euro Nettozuflüssen inzwischen kleine Brötchen, Ausnahmen bilden weiter Real Madrid und der FC Barcelona.

Fifa TMS bestätigt Kräftigung des deutschen Fußballs

„Das alles deutet auf eine Kräftigung des deutschen Fußballs hin im Vergleich zum spanischen oder auch italienischen Markt“, schreiben die Fifa-Transfermarkt-Experten in einem Report. „Deutsche Klubs können es sich heute leisten, ihre besten Spieler zu halten“ – und selbst auch mal tiefer in die Tasche greifen, um ausländische Stars zu verpflichten. So holte Borussia Dortmund im Sommer Pierre-Emerick Aubameyang oder Henrikh Mkhitaryan – es wurden jeweils zweistellige Millionenbeträge als Ablöse fällig.

„Ich habe nichts gegen die Höhe der Ablöseentschädigungen, solange der Großteil im Kreislauf, im Fußballgeschäft verbleibt“, sagt Wolfgang Holzhäuser. „Wenn aber wie im Fall Neymar der Großteil abfließt an die Familie oder Investoren, dann ist das schlecht.“ Der Deal mit dem Superstar sei alles andere als ein Einzelfall, vermutet Holzhäuser: „Wie das Geschäft offenbar abgelaufen ist, das ist nicht überraschend, wenn man weiß, wie Transfers in Brasilien funktionieren.“ Brasilien war 2013 mit einem Anteil von gut elf Prozent an der Zahl der grenzüberschreitenden Spielerwechsel das aktivste Land im Transfergeschäft.

Quelle: KSmediaNET

Das Problem für Holzhäuser: „Wenn Verwandte oder andere Gesellschaften Rechte halten, muss man damit rechnen, dass viel Geld fließt – wovon der abgebende Klub selbst jedoch am Ende nur noch einen kleinen Bruchteil erhält.“

So erging es auch Neymars Verein FC Santos beim Barcelona-Transfer. Doch es geht um mehr als die Interessen der Vereine: Die wachsende Macht von Investoren sei auch nicht im Sinne der Verbände, „weil sie so die Kontrolle über den Fußball verlieren können“, sagt Holzhäuser. „Es ist Aufgabe der Verbände, das Verhältnis zu regeln zwischen dem, was im Kreislauf der Vereine bleibt, und dem, was zu Dritten geht. Das Interesse der Verbände muss sein: möglichst 100 Prozent müssen im Kreislauf der Vereine verbleiben.“

Dritte Parteien gewinnen zunehmend an Einfluss

Zudem befürchtet Holzhäuser eine zunehmende Einflussnahme: „Wenn eine Agentur in Brasilien eine Beteiligung von 40 bis 50 Prozent erwirbt an Forderungen, die im Zusammenhang mit künftigen Ablösezahlungen entstehen, dann will man natürlich auch steuern, wohin der Spieler wechselt“, sagt Holzhäuser. „Ich warte auf den Tag, an dem ein Spieler sagt: Ich könnt machen, was ihr wollt: Ich gehe nicht zu Real Madrid oder Barcelona, sondern zu Corinthians São Paulo.“

Auch DFVV-Chef Reiter mahnt in Zeiten rasant steigender Transfersummen im globalen Fußballgeschäft zur Besinnung. Freilich: Dass Klubs die gestiegenen Einnahmen auch in Spielergehälter und mithin Beraterhonorare investieren, hält er für nicht beklagenswert, sondern für ganz logisch. „Personalkosten sind nun einmal der größte Kostenblock in einem Unternehmen – und das nicht nur in der Fußballbranche. Wo hinein sollen Vereine denn sonst investieren, etwa in Rasenpflege? Die gekauften Spieler generieren ja auch diejenigen, die die Einnahmen generieren.“

Die entscheidenden Impulse zur Reform des Transferwesens in Europa können von Deutschland ausgehen – Gregor Reiter

Der Reformbedarf sei im Jahr 2014 so hoch wie nie zuvor. Ein Urteil des Bundesfinanzhofs zur Besteuerung der Ausgaben für Spielerberater sorgt für dringenden Klärungsbedarf der Frage, wer die Leistungen der Berater künftig zu bezahlen hat. Der Klub oder der Spieler selbst? Hinzu kommt Veränderungsdruck von außen: Alle Mitgliedsverbände des Weltfußballverbandes Fifa müssen bis spätestens März 2015 neue Mindeststandards für das Vermittlerwesen umsetzten. Derzeit laufen auch in Deutschland Diskussionen, wie das neue Spielervermittler-Reglement konkret aussehen soll.

Quelle: DFVV

„2014 wird das Jahr der Wahrheit, wir haben eine einmalige Chance“, sagt Reiter. „Es herrscht hoher Veränderungsdruck, und die entscheidenden Impulse zur Reform des Transferwesens in Europa können von Deutschland ausgehen.“ Mit Vertretern der DFL und der Vereinigung der Vertragsfußballspieler bestehe ein konstruktiver Austausch. „Alle Beteiligten sind entschlossen, in Deutschland ein neues transparentes System zu etablieren, von dem alle profitieren. Deutschland könnte als Vorbild dienen für eine internationale Harmonisierung.“

Drei Handlungsfelder sind Reiter für die Reform wichtig. Für diese Forderungen macht sich die DFVV in den Verhandlungen stark: „Wir müssen die Zahlungsströme offenlegen, um Transparenz und damit Vergleichbarkeit zu schaffen.“ So sollen die Klubs und Spieler wissen, welche Bezahlung für den Berater marktüblich ist. „Ich bin ja auch in der Lage, die Kosten einer Reparaturstunde in verschiedenen Autowerkstätten miteinander zu vergleichen. Diese Transparenz muss es auch im Transfergeschäft geben.“

Zweites Anliegen: Die Berater müssen besser qualifiziert sein und sich zwingend Fortbildungen unterwerfen. „Es muss sichergestellt sein, dass bestimmte Qualitätsanforderungen an Berater gestellt und erfüllt werden.“ Und drittens: „Wir müssen alles gegen die Unart tun, dass die Klienten immer jünger werden.“ Dieser DFL-Forderung schließt er sich an. „Dabei muss allerdings sichergestellt sein, dass nicht die unseriösen Berater, die schon Zwölfjährige ansprechen, die Seriösen vom Markt drängen. Damit wäre keinem gedient. Hier sind die Verbände auch aufgerufen zu sanktionieren.“

„Das Transferabgleichungssystem der Fifa ist ein guter Anfang“, sagt Holzhäuser. Wenn es sauber zugeht, könnten auch Klubwechsel von Superstars den Ausbildungsvereinen zugutekommen. „Beim Transfer von Mesut Özil zu Arsenal London hat auch Rot-Weiß Essen noch profitiert und vier Millionen Euro erhalten“, sagt Holzhäuser. „Das konnte nur geschehen, weil die Vertragsdetails zu 100 Prozent bekannt waren.“

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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