Dirk Heering zum Wintersport: „Harter Kampf um die Fernsehminuten“

Wenig Geld, wenig Medienpräsenz: Wissenschaftler Dirk Heering über die finanzielle Situation im deutschen Wintersport und die Konkurrenz der Disziplinen.

Quelle: privat

Dirk Heering leitet in Garmisch-Partenkirchen das Institut für Wintersport, eine Einrichtung der Hochschule für angewandtes Management.

Herr Heering, an diesem Freitag beginnen die Olympischen Spiele in Sotschi. Wie steht es um den deutschen Wintersport?

Insgesamt muss man festhalten, dass wir nicht so eine Wintersportnation sind. Der Wintersport hat hier bei weitem nicht den Stellenwert wie etwa in Österreich oder der Schweiz. Das merkt man besonders in der Konkurrenz um die Medienpräsenz: Im Zweifel ist ein Fußballspiel in der dritten Liga für viele interessanter als ein Weltcup-Rennen im Ski alpin.

Welche Konsequenz hat das?

Das führt dazu, dass es innerhalb der Wintersportdisziplinen einen umso härteren Kampf um die Fernsehminuten gibt. Und da sind die Verbände ganz unterschiedlich organisiert. Der Deutsche Skiverband ist etwa sehr professionell aufgestellt und vermarktet sich auch selber – er hat allerdings auch mediale Zugpferde wie Skispringen oder Biathlon dabei. Der Bob- und Schlittenverband zeigt, dass nur absolute Erfolgsstories funktionieren. Wenn die nur ein bisschen sportlich abrutschen, kann das mediale Interesse sehr schnell weg sein.

Welche Verdienstmöglichkeiten haben denn die Olympioniken?

Ein Großteil der Sportler ist grundsätzlich über die Bundeswehr, den Zoll oder die Polizei abgesichert. Darüber hinaus gibt es Einnahmequellen aus den Siegprämien. Vereinzelt sind Wintersport-Athleten in der Lage, auch als Testimonial Geld zu verdienen. Im Eishockey sind die Sportler in der Regel, ähnlich wie beim Fußball, beim Verein angestellt und beziehen daher direkt ihre Einnahmen aus der sportlichen Tätigkeit.

Wie sehen die Chancen für den Nachwuchs in der Zukunft aus?

Das Geld wird zwar auch nach unten in die Nachwuchsarbeit durchgereicht, aber trotzdem ist die Abbruchrate unter jungen Wintersportlern doch recht hoch. Viele Wintersportdisziplinen sind sehr zeitaufwendig, gerade was die Reisezeit zu den Trainings- und Wettkampfstätten betrifft, und bringen Kosten von einigen tausend Euro pro Saison mit sich – für Material, Liftkarten, Reisen und Ausrüstung etc., die bereits im Nachwuchsbereich anfallen.

Was wäre anders, wenn sich München für die Olympischen Winterspiele 2022 beworben hätte?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Der Nachwuchsförderung und dem Wintersport an sich hätte das sicherlich einen Schub gegeben – kritisch zu sehen sind die aus meiner Sicht teilweise unkalkulierbaren Kosten für Sportstätten und Infrastruktur sowie deren nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Manuel Heckel für JP4

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