Die geforderten Geförderten

Fast alle deutschen Sportler in Sotschi werden staatlich gefördert. Ihr Erfolg bei Olympia entscheidet über die finanzielle Zukunft von Athleten und Verbänden.

Quelle: Adidas

Zimmer bezogen, über die Sicherheitsvorkehrungen gestaunt, einen ersten Blick auf den Parcours geworfen: So wie Rennrodler David Möller melden sich nach und nach immer mehr der deutschen Athleten aus dem Olympischen Dorf in Sotschi. Am Dienstag landete eine weitere Sondermaschine der Lufthansa voll mit Athleten am Schwarzen Meer. Am Freitag starten die Winterspiele in Sotschi mit der Eröffnungsfeier – schon am Samstag stehen die ersten Entscheidungen an, etwa im Biathlon, Snowboard-Freestyle und Eisschnelllauf. Und die deutschen Athleten stehen unter dem Erwartungsdruck, möglichst schwer medaillenbehangen zurück zu kehren.

Das Ziel des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) ist ehrgeizig: Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor und Chef de Mission des deutschen Olympiateams, legte die Latte auf 30 Medaillen. „Wir wollen das Ergebnis von Vancouver wiederholen“, sagte er bei der Auftaktpressekonferenz im Deutschen Haus in Krasnaja Poljana. Vor vier Jahren war Deutschland laut Medaillenspiegel die zweiterfolgreichste Nation. Zuletzt hatte sich DOSB-Präsident Alfons Hörmann im Interview mit „Sport Bild“ noch vorsichtiger ausgedrückt: „Ich wäre sehr zufrieden mit allem, was über 25 Medaillen liegt.“

Zum Siegen verpflichtet

Auf den Sportlern lastet so oder so eine mehrfache Verantwortung: Für viele ist ihr Auftritt eine der wenigen Möglichkeiten, sich und ihre Sportart einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Außerdem müssen sie sich den Kritikern stellen, die im Gegenzug für die öffentliche Förderung ihres Sports auch messbare Erfolge erwarten.

Denn für den Kontostand der meisten Wintersportler ist – ganz oder teilweise – die öffentliche Hand zuständig. In diesem Jahr stehen etwa 100 der 153 Athleten auf der Lohnliste des Staates. Die Bundeswehr, so heißt es oft spöttisch, ist der größte Sponsor. Weitere Sportler sind bei der Polizei in Bund und Ländern oder beim Zoll angestellt. Und in der Vergangenheit lieferten sie die gewünschten Ergebnisse: Bei Olympischen Winterspielen in Vancouver stellten zum Beispiel Sportsoldaten knapp die Hälfte aller Sportler der deutschen Mannschaft – und holten 57 Prozent der deutschen Medaillen.

Das langt zum Leben, aber führt nicht zum Reichtum. Nahezu alle deutschen Athleten erhalten zusätzlich Geld von der Deutschen Sporthilfe. Zwischen 400 und maximal 1500 Euro pro Monat fließen etwa in der sogenannten Elitenförderung an Athleten, die bereits Spitzenränge bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen errungen haben. Mit 5,3 Millionen Euro sei die aktuelle Olympiamannschaft gefördert worden, teilte die Deutsche Sporthilfe jetzt mit – das allerdings über eine lange Zeit. Im Durchschnitt sei jeder Olympia-Athlet etwa neun Jahre lang gefördert worden. Die Deutsche Sporthilfe finanziert sich unter anderem durch Spenden sowie aus Erlösen der Olympiavermarktung und der Lotterie „Glücksspirale“.

Kaum Erlöse als Werbegesicht

Wer in Sotschi Gold holt, darf zusätzlich mit 20.000 Euro von der Sporthilfe rechnen. Silber bringt 15.000 Euro, Bronze noch 10.000 Euro – bei Mehrfachgewinnern wird die Summe allerdings nicht aufsummiert. Mit großen Erlösen aus dem Sponsoring können die Sportler nicht rechnen.  „Nur vereinzelt sind Wintersport-Athleten in der Lage, auch als Testimonial Geld zu verdienen“, sagt Dirk Heering, Leiter des Instituts für Wintersport in Garmisch-Partenkirchen im JP4-Interview.

Bundesweit betrachtet fehlt dem Wintersport bei weitem die Bekanntheit, um dauerhaft eine ausreichende Medienpräsenz zu haben. „Das führt dazu, dass es innerhalb der Wintersportdisziplinen einen umso härteren Kampf um die Fernsehminuten gibt“, sagt Heering.

Skiverband vorneweg

Vergleichsweise gut aufgestellt ist dabei der Deutsche Skiverband (DSV), der sich seit 2003 selbst um seine Vermarktung kümmert. Mit medialen Zugpferden wie Biathlon, Ski Alpin oder Skispringen konnten etwa die Öffentlich-Rechtlichen gewonnen werden, bis 2016 sind die Verträge hier gesichert.

Zwei Jahre länger laufen sogar die Verträge mit den insgesamt sieben wichtigsten Sponsoren und Ausrüstern. „Es ist entscheidend, dass wir die beiden Vermarktungssäulen auf stabilem Niveau halten, um uns die Selbstständigkeit weiter leisten zu können“, sagt Walter Vogel, Geschäftsführer der DSV Marketing, „dieses Ringen ist über die Jahre gleich schwierig geblieben.“

Erst einmal blickt auch Vogel gespannt auf das Abschneiden der DSV-Sportler in Sotschi. 14 bis 20 Medaillen sollen in den Disziplinen Biathlon, Langlauf, Nordische Kombination, Skispringen, Ski alpin und Ski Freestyle geholt werden, so steht es in der Zielstellung des DOSB. „Hier wird letztendlich das Image unseres Verbandes bestimmt“, sagt Vogel, „Olympia ist das größte Schaufenster, das wir haben.“

Dadurch, dass der Verband den Großteil seiner Einnahmen selbst generiert, ist er auch in den Ausgaben freier – und steckt seit Jahren viel Geld in den Nachwuchsbereich. Problematischer ist das Verteilen der Gelder zwischen den traditionellen Zugpferden im Verband und den neuen Disziplinen, wie etwa dem Freestyle-Skifahren. „Mit den neuen Sportarten lässt sich noch kein Geld verdienen, das ist kein einfaches Feld“, sagt Vogel.

Viel kriegt, wer viel erreicht

Hier bemüht sich auch der Skiverband um die Sportförderung aus der öffentlichen Hand, auf die er sonst durch die vergleichsweise gute Einnahmesituation verzichten muss. Über den DOSB wird die Sportförderung unter den Verbänden verteilt – im vergangenen Jahr ging es dabei um mehr als acht Millionen Euro. So werden im Nachgang von Sotschi auch die Resultate von dort mit herangezogen bei der Entscheidung, welcher Wintersportverband welche Finanzmittel in den kommenden Jahren erhält. Vereinfacht gesagt: Viel kriegt, wer viel erreicht. Die Grundförderung eines Verbandes richtet sich dabei nach der Anzahl der Wettbewerbe einer Sportart bei Olympia, nach der Anzahl der nominierten Sportler bei den letzten beiden Spielen und – mit dreifacher Gewichtung – nach der Anzahl der erreichten Medaillen bei den letzten beiden Spielen.

Abhängig von der öffentlichen Hand

Dazu kommt eine Projektförderung, deren Summe davon abhängt, ob man entweder erreichte Erfolge stabilisieren kann – oder in neuen Disziplinen an die Spitze stürmt. „In einigen Disziplinen würde die Professionalisierung ohne die Sportförderung der öffentlichen Hand sicherlich deutlich sinken“, sagt Frank Daumann, Professor für Sportökonomie an der Universität Jena.

Der Bob- und Schlittenverband erhielt so etwa für das Jahr 2013 fast 3,2 Millionen Euro, der Deutsche Curling-Verband immerhin noch knapp 285 000 Euro. Dazu kommen häufig einzelne Sponsoringverträge – die breite Medienpräsenz fehlt aber häufig oder ist nicht von Dauer. „Der Bob- und Schlittenverband zeigt, dass nur absolute Erfolgsstories funktionieren. Wenn die nur ein bisschen sportlich abrutschen, kann das mediale Interesse sehr schnell weg sein“, sagt Heering.

Forderungen nach mehr Geld von der öffentlichen Hand, die immer wieder aus dem DOSB zu hören sind, wurden in der Vergangenheit vom Bund schnell abgebügelt. Insgesamt etwa 190 Millionen Euro seien in den vergangenen vier Jahren in den deutschen Wintersport geflossen, sagt Thomas de Maizière, als Innenminister auch zuständig für den Sport. Woher welche Mittel kommen, ist dabei nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen, die Posten verteilen sich quer durch den Bundeshaushalt. „Es fließt auf verschiedenen Wegen Geld in das System“, sagt Sportökonom Daumann, „da wäre mehr Transparenz wünschenswert, das sind ja immerhin Steuermittel“.

Manuel Heckel für Handelsblatt Online

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