Frisches Geld für die Bundesliga

Investoren sind nicht alles. Geld beschaffen sich Profiklubs auch von Mäzenen, Fans, Banken oder Rechtevermarktern. Manchmal gehen sie hohes Risiko.

Quelle: Allianz

16 Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten Bayer Leverkusen in der Bundesliga. Ein demütigend locker herausgespieltes 5:0 im Viertelfinale des DFB-Pokals beim Hamburger SV. Die nationale Fußballkonkurrenz fragt schon verzweifelt: Wer soll Bayern München noch stoppen – jetzt oder in den nächsten Jahren?

Es wird schon noch Niederlagen geben – und titellose Jahre. Davon zumindest geht Karl-Heinz Rummenigge aus, der Vorstandschef der Bayern. „Wir werden in den nächsten zehn Jahren nicht acht oder neun Mal deutscher Meister werden“, sagte er im Februar auf dem Branchenkongress „Spobis“. Wollte er eigentlich etwas anderes sagen? Nämlich: Wir werden in den nächsten Jahren zehn Mal Meister.

Die Vorgabe für den Klub heißt laut Rummenigge jetzt und in Zukunft: „Fußball bezahlbar spielen.“ Für die deutschen Konkurrenten muss das wie Hohn klingen. Denn ein Team, das der Umsatzkrösus der Liga bezahlbar findet, kann sich nicht einmal der wirtschaftlich härteste Verfolger Borussia Dortmund leisten. Im Ruhrgebiet muss man zuschauen, wie ihnen die Bayern mit Mario Götze und Robert Lewandowski das beste Personal wegkaufen.

Rummenigge investiert in Steine

Künftig wird der Profifußball für die Münchener noch etwas bezahlbarer. Dank einer am Dienstag vermeldeten Finanzspritze des Versicherers Allianz in Höhe von 110 Millionen Euro sind die Bayern nach eigenen Angaben ad hoc schuldenfrei – sie können ihr Stadion mit einem Schlag abbezahlen. Die Allianz hält damit ebenso wie die schon früher eingestiegenen Konzerne Adidas und Audi 8,33 Prozent an der als AG ausgegliederten Profiabteilung. Man werde keinen Messi holen, sagte Rummenigge – und lieber in „Steine“ investieren – also ein neues Nachwuchszentrum.

Steine oder Beine – das ist die zentrale Frage, vor der alle Klubs stehen, wenn sie ihre Finanzpläne machen. Sie müssen die Balance finden zwischen Investitionen in die Zukunft und solchen in den kurzfristigen sportlichen Erfolg, den die Fans fordern. Und sie müssen entscheiden, ein wie hohes Risiko sie dafür eingehen wollen. 690 Millionen Euro Schulden hatten die Klubs der ersten Bundesliga Ende der vergangenen Saison laut Deutscher Fußball Liga (DFL). Das muss nicht schlimm sein – wie das Beispiel Bayern zeigt. Es kann aber auch ernsthafte Probleme bereiten – wenn wie beim HSV, den 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten drücken, die Handlungsfähigkeit der Klubchefs schwindet.

Erlöse aus dem Verkauf der TV-Rechte, Spieltagseinnahmen vor allem durch Eintrittskarten, Werbegelder von Sponsoren, Fanartikelverkauf – das sind die vier finanziellen Hauptstützen des Etats von Fußballklubs. Wer mehr braucht, muss andere Quellen anzapfen. Anreize dafür, sich auch für Spielerkäufe zu verschulden, gibt es reichlich: Wer besser in der Bundesliga besser abschneidet, erhält mehr TV-Geld, lastet sein Stadion besser aus und auch die Werbepartner lassen dann mehr Geld springen. Wer die Champions League erreicht, kann schon mal um die 25 Millionen Euro allein für das Mitmachen in der Vorrunde verbuchen. Wenn der sportliche Erfolg aber ausbleibt, werden die Schulden zur Gefahr für den Verein.

Fußballklubs zahlen Risikoaufschläge bei Bankkrediten

Wie aber kommen die Klubs an die zusätzlichen Millionen, wenn sie investieren wollen? Banken sind zurückhaltend, wenn Fußballvereine sich Geld leihen wollen – das Geschäft funktioniert eben anders als beim mittelständischen Automobilzulieferer. „Fußball-Unternehmen müssen in der Regel für Bankkredite deutlich höhere Zinsen bezahlen als andere Unternehmen, denn ihr Geschäft ist riskanter“, sagt Christoph Breuer, Leiter des Instituts für Sportökonomie an der Deutschen Sporthochschule.

Die Klubs pumpen deshalb lieber ihre Anhänger an. Fananleihe heißt das Finanzwerkzeug, das sogar zweistellige Millionenbeträge in die Klubkasse spülen kann – und das zu vergleichsweise günstigen Zinsen. So sammelte der 1. FC Köln zehn Millionen Euro bei seinen Fans ein und zahlt dafür fünf Prozent Zinsen. Gar 17,5 Millionen Euro waren es beim HSV vor einem Jahr – sechs Prozent Zinsen waren  für den damals schon klammen Nordklub günstig. Schalke 04 konnte so elf Millionen Euro einnehmen. Der Vorteil am Rande: Nicht alle Fans wollen ihr Geld zurück und lassen sogar die Zinsen verfallen, weil sie die Schmuckurkunde an der Wand behalten und die Zinskupons nicht abschneiden wollen.

Ein Börsengang, wie ihn Borussia Dortmund im Jahr 2000 wagte, wurde in Deutschland von einem Fußballklub bislang nicht wiederholt. Fünf Jahre später schrammte der Klub haarscharf an der Insolvenz vorbei, weil das eingespielte Geld für teure Spielerkäufe verpulvert wurde und sich die Schulden türmten. Inzwischen hat Dortmund mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Trendwende geschafft.

Die Bundesliga testet den Kapitalmarkt

Die Bundesliga testet den Kapitalmarkt nun auf neuem Weg. Mitte 2012 sammelte Schalke bei institutionellen Anlegern über eine Anleihe zunächst 35 Millionen Euro ein, im vergangenen Herbst stockten sie noch einmal um 15 Millionen Euro auf. „Der Fußball hat sich zu einem boomenden Wirtschaftsfaktor entwickelt“, sagt Peter Peters, Finanzvorstand der Schalker. Das mache den Sport auch für Anleger interessant.

Quelle: Schalke 04

Ziel sei, „die Finanzverbindlichkeiten mittelfristig weitgehend abzubauen“, so Peters. 6,75 Prozent Zinsen zahlt Schalke pro Jahr. Mit einem Anstieg des Kurswertes um insgesamt fünf Prozent hat sich das Papier bisher gut entwickelt. Eingesetzt wird das Geld zur Umschuldung – die Konditionen der Kredite, die abgelöst wurden, dürften also schlechter gewesen sein. Im Konzernabschluss des Jahres 2012 weist Schalke Verbindlichkeiten in Höhe von rund 217 Millionen Euro aus – gut 81 Millionen davon gegenüber Kreditinstituten. Offenbar gelingt dem Klub auch dank der Einnahmen aus der Champions League der Abbau der Schuldenlast: In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ Anfang dieses Jahrs bezifferte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies die Verbindlichkeiten auf 172 Millionen Euro.

Einnahmen der Zukunft werden verfrühstückt

Ein alternativer Weg, um kurzfristig an Geld zu kommen: Zukünftige Forderungen werden forfaitiert – der Klub verzichtet auf die künftigen Einnahmen und erhält einen Teil des Geldes sofort. So geschah es bei den Schalkern im Jahr 2009, als die erwarteten Einnahmen aus dem Vertrag mit Hauptsponsor Gazprom an die Barclays Bank abgetreten wurden. Auch die Einnahmen aus der Partnerschaft mit Ausrüster Adidas wurden forfaitiert. Das Problem: Für schnelles Geld muss ein Klub dann auf künftige stetige Einnahmen verzichten. Laut Peters ist dieses Modell auf Schalke inzwischen beendet worden.

Ähnlich funktionieren Verträge mit Sportrechteagenturen. Die Klubs lassen von ihnen beispielsweise ihre VIP-Logen vermarkten. Dafür bekommen die Agenturen eine Provision – Branchenkreise verorten diese bei etwa 20 Prozent. Im Gegenzug bekommen die Klubs eine sogenannte Signing Fee – also eine Vorauszahlung. So konnte der beispielsweise der Hamburger SV ein drohendes Loch in der Bilanz zumindest etwas stopfen. Ein drohender Verlust von 24 Millionen Euro in der Saison 2012/13 konnte auf knapp neun Millionen Euro gedrückt werden, als im vergangenen Sommer mit der Agentur Sportfive verlängert wurde. Das Problem wird freilich nur verschoben, denn die künftigen Einnahmen fallen geringer aus.

Hertha BSC mit Millionen eines Finanzinvestors

Rund 100 Millionen Euro Schulden drücken den Hamburger SV. Ein Einstieg von Investoren wie bei Bayern München könnte zumindest einen Teil davon beseitigen. Bis zu 25 Millionen Euro hat etwa der Logistikunternehmer und HSV-Fan Klaus-Michael Kühne in Aussicht gestellt – für eine Beteiligung aber muss zunächst die Profifußballabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert werden. Diesen Schritt plant der Klub derzeit. Der ebenfalls verschuldete Erstligist Hertha BSC Berlin hat bereits mit dem Londoner Finanzinvestor KKR einen Deal geschlossen und für einen Anteil an 9,7 Prozent 22 Millionen Euro erhalten. Zudem gab es von KKR einen Kredit in Höhe von 39 Millionen Euro, um teurere Bankdarlehen abzulösen.

Einfacher ist die Lage beim VfL Wolfsburg und bei Bayer Leverkusen. Als Töchter des Autokonzerns VW und des Pharmaherstellers Bayer fällt es leichter, Liquidität zu beschaffen. Details zur Finanzlage gibt es nicht – beide Klubs veröffentlichen keine Bilanzen. Der Traum eines jeden Fußballklubs freilich ist der Mäzen. Ein reicher Gönner investiert aus Leidenschaft und ohne Erwartung einer bestimmten Rendite. So brachte Dietmar Hopp seinen Heimatverein 1899 Hoffenheim mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in die erste Liga.

Die Marketingprofis von Red Bull drängen in den Fußball

Foto: GEPA pictures/ Roger Petzsche, Red Bull

Ein ähnliches Projekt – freilich mit handfesten Marketinginteressen – schiebt Red Bull in Leipzig an. Der aufstrebende Drittligist RasenBallsport Leipzig ist fest unter Kontrolle des Energiedrink-Herstellers. In die Karten gucken lässt man sich nicht. Ganz offen sagt das Klubmanagement, dass Presseanfragen zu nichtsportlichen Fragen grundsätzlich abgelehnt werden. Das sei Firmenpolitik.

„Red Bull Leipzig“ – vermutlich nicht ganz absichtslos nennt Bayern-Vorstandschef Rummenigge den ostdeutschen Klub bei einem nicht offiziellen Namen. In München ist man stolz, dass der der FC Bayern aus eigener Kraft zur unbestrittenen Nummer eins in Deutschland geworden ist – sportlich wie wirtschaftlich. Nun locken die nächsten Ziele im Ausland.

Die Benchmark für die Bayern sind inzwischen allein die großen Namen in Spanien oder England. „Es gibt in Europa noch Klubs, die das noch ein Stück besser machen“, sagte Rummenigge auf dem Spobis. Noch – für den Bayern-Chef heißt das wohl: nicht mehr lange.

Was wird geschehen, wenn in München alle Steine im Nachwuchszentrum verbaut sind und das Festgeldkonto immer weiter wächst? Wollen nicht irgendwann auch die Weltfußballer nach München kommen? Und werden in einigen Jahren Real Madrid oder der FC Barcelona von den Bayern mit Messi und Cristiano Ronaldo so locker auseinandergenommen wie zuletzt im Pokal der HSV? Wird Rummenigge dann ganz bescheiden sagen, dass sein Klub in den nächsten zehn Jahren nicht acht oder neun Mal die Champions League gewinnt?

Thomas Mersch und Stefan Merx für Handelsblatt Online

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