Finanzaufsicht BaFin nimmt Viagogo ins Visier

Die Ticketbörse könnte mit ihrem Geschäftsmodell in schwieriges Fahrwasser geraten. Die Frage steht im Raum, ob Viagogo eine Lizenz für Finanztransfers benötigt.

Foto: Laub

Ein paar Hundert Euro für einen Barcode – und die Hoffnung, dass er am Drehkreuz nicht versagt. Ticketkauf im Internet ist heute vor allem eins: Vertrauenssache. Erst recht, wenn man Second Hand shoppen geht, ist ein seriöser Anbieter Gold wert.

Im sogenannten Ticketzweitmarkt, wo bereits verkaufte Eintrittskarten für Konzerte oder Fußballspiele erneut umgeschlagen werden, gibt sich die Viagogo AG selbstbewusst als Platzhirsch: „Wir sind die weltweit größte Ticketbörse“, wirbt das in der Schweiz registrierte Unternehmen auf seiner deutschen Homepage. „Millionen von Menschen besuchen täglich unsere Seite“, heißt es dort in einem Werbefilm. Fußball- und Konzertkarten im Wert von 500 Millionen Dollar würden im Jahr bei Viagogo gehandelt, teilte das Unternehmen bereits vor zwei Jahren mit. Deutschland sei der zweitwichtigste Markt. Seitdem drangen aus dem Hause Viagogo nur Erfolgsmeldungen, die auf weiteres Wachstum hindeuten.

„Garantie“ soll Sicherheit suggerieren

Mit selbst designten Garantievignetten, die man markenrechtlich schützen ließ, wirbt Viagogo um Verbrauchervertrauen. Auch „Zahlungen sind 100% sicher“, liest der Laie auf der Startseite. Klickt er eine Ebene tiefer, ist damit zwar nur noch eine „128-Bit-SSL-Verschlüsselung“ beim Datenverkehr gemeint. Aber immerhin. Viagogo weiß, wie man Sicherheit buchstabiert und werblich einsetzt.
Wie kleine Wertpapiere werden hier die Tickets elektronisch gehandelt – oft gegen den Willen der Veranstalter. Wer hinter den Verkäufen steht, bleibt in der juristischen Grauzone ganz bewusst anonym. Kaufen und verkaufen per Mausklick, der Preis meist unlimitiert – auf der Handelsplattform Viagogo feiert das freie Spiel der Kräfte ein Fest. Für viele heißt es Zocken und Gewinne mitnehmen. Fast wie an der Börse. Manch hochrangiger Viagogo-Mitarbeiter trägt selbstbewusst in seinem Online-Karriereprofil eine stolze Branche ein: „Banking“.

Die Sache mit dem Banking könnte sich schneller bewahrheiten, als manchem Tickethändler lieb ist. In der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin, befasst sich nach Informationen des Wall Street Journal Deutschland derzeit die Abteilung Geldwäscheprävention mit dem Online-Anbieter. Geklärt werden muss die Frage, ob beim Viagogo-Geschäftsmodell die Geldflüsse in Einklang mit geltendem europäischem und deutschem Recht stehen. Sollte die BaFin die Frage verneinen, steht dem Anbieter erheblicher Ärger ins Haus.

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Konkret geht es um die Möglichkeit, dass Viagogo ein erlaubnispflichtiges Finanztransfergeschäft betreiben könnte, ohne eine dafür nötige Lizenz zu besitzen. Zum konkreten Einzelfall will sich die BaFin auf Anfrage des Wall Street Journal Deutschland nicht äußern. Aus gutem Grund: Wird die Behörde tätig, handelt es sich um ein vertrauliches Verwaltungsverfahren. Nur so viel sagt ein Sprecher: „Viagogo ist der BaFin bekannt.“ Und nicht geheim ist diese Tatsache: „Viagogo besitzt keine Lizenz der BaFin.“

Die in der Bonner Behörde zu klärende Kernfrage ist dieser Tage, ob die Erlaubnispflicht tatsächlich besteht. Braucht ein Unternehmen eine bankähnliche Lizenz, wenn es Fremdgelder im Zuge von Ticketkäufen vereinnahmt, oft über Wochen und Monate bunkert, um später – nach dem geglückten Besuch der Veranstaltung – die fälligen Summen vertragsgemäß an den Ticket-Verkäufer auszuzahlen?

Das Handelshaus Ebay, so viel steht fest, ist im Jahr 2012 genau an dieser regulatorischen Klippe und dem Veto der BaFin gescheitert, als es seine Zahlungsabwicklung dergestalt ändern wollte, dass die Gelder direkt über Ebay fließen sollten. Ebay ging schmollen, Projektmittel waren verpufft.

Auch bei Ticketplattformen kommt eine Erlaubnispflicht in Betracht – BaFin-Sprecher

Ohne Viagogo konkret zu nennen, erläutert der BaFin-Sprecher den Zusammenhang von unerlaubt betriebenen Zahlungsdiensten: „Nach der allgemeinen Verwaltungspraxis der BaFin im Bereich Online-Plattformen kommt auch bei Ticketplattformen eine Erlaubnispflicht in Betracht, wenn sich die Online-Plattform in den Zahlungsfluss zwischen Käufer und Verkäufer einschaltet. In solchen Fällen kann der Tatbestand des Finanztransfergeschäfts erfüllt sein, für das eine Erlaubnispflicht nach dem Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) besteht. Allerdings kommt es stets auf die konkrete Ausgestaltung des Geschäftsmodells im Einzelfall an.“

Foto: BaFin

Was sich für manchen nach einer bürokratischen Lappalie anhört, kann für Online-Unternehmen in der Realität existenzgefährdend sein. Ein Verstoß gegen das ZAG, theoretisch auch strafrechtlich relevant, hat unmittelbare und gravierende Konsequenzen: Werden die Zahlungsdienste ohne die erforderliche Erlaubnis erbracht, so heißt es im Gesetz, „kann die Bundesanstalt die sofortige Einstellung des Geschäftsbetriebs und die unverzügliche Abwicklung dieser Geschäfte gegenüber dem Unternehmen sowie gegenüber seinen Gesellschaftern und den Mitgliedern seiner Organe anordnen“. Mit anderen Worten: Das Licht im Shop könnte seitens der BaFin umgehend ausgeknipst werden.

Zunächst wäre nur das Business in Deutschland betroffen. Denn auch wenn sämtliche nationale Regelungen auf derselben „Payment Services Directive“, einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2007 beruhen, beurteilt jede Aufsichtsbehörde in jedem EU Staat selbstständig, ob sie ein erlaubnispflichtiges Handeln sieht. Doch die Luft würde insgesamt dünner werden.

Viagogo schweigt zum Thema Zahlungsabwicklung

Viagogo hat auf konkrete Fragen des WSJ zum Thema Zahlungsabwicklung und einer möglichen BaFin-Prüfung bis Freitag nicht reagiert. Auch zu der Frage, wie Viagogo in Deutschland sicherstellt, dass die vereinnahmten Kundengelder treuhänderisch und getrennt vom eigenen Vermögen bis zur Auszahlung sicher verwahrt werden, blieb das aus London operierende Unternehmen eine Antwort schuldig.

Dabei steht auch nach offizieller Darstellung von Viagogo fest, dass nur rund ein Viertel der Umsätze tatsächlich dem Ticketmakler zustehen. Von einem über die Plattform gehandelten Ticket behält der nach eigener Darstellung ansonsten unbeteiligte Makler Viagogo nur die Provisionen, ungeachtet der Mehrwertsteuer: 10 Prozent des Kaufpreises vom Verkäufer, 15 vom Käufer. Vereinnahmt wird das komplette Geld sofort beim Kauf, ausgeschüttet laut Viagogo-Werbung erst nach dem Konzert oder Sportevent. Wo aber lagert das Fremdgeld? Wer stellt sicher, dass nicht der Verkäufer eines Bayern-München-Tickets für das Spiel gegen Arsenal mit dem Cash eines Käufers bedient wird, der schon heute sein Geld für das Neujahrskonzert 2015 der Wiener Philharmoniker überweist?

„Keine Geschäftsberichte, keine Informationen“

In Sachen Transparenz hat sich Viagogo bisher nicht hervorgetan, auch gibt es keine äußerlichen Anzeichen für finanzielle Substanz. Selbst Wagnisinvestoren wie der Münchener Medienmanager Horst Kloiber äußerten sich nach einem Bericht des „Spiegel“ aus dem Vorjahr irritiert: „Es gab keine Geschäftsberichte, keine Informationen, nichts“, zitierte das Magazin den verärgerten Investoren.

Das Unternehmen Viagogo wirkt bei genauerer Betrachtung wie eine Black Box. Als nicht börsennotierte Aktiengesellschaft, seit 2012 in der Schweiz ansässig, legt die Viagogo AG keine Bilanz offen. Sind die eingesetzten Methoden tatsächlich verlässlich? Wie steht es um die Liquidität des Unternehmens? Wer sind die Verkäufer der Tickets? Das Jahr 2014 könnte für Viagogo zum Jahr der Wahrheit werden. Nach der Umsetzung der EU-Verbraucherrechterichtlinie treten am 13. Juni auch Änderungen der Informationspflichten in Kraft. Hält sich Viagogo an die Spielregeln, müssten sich gewerbliche Verkäufer ab Sommer auf der Plattform namentlich outen.

Quelle: PR

In der Vergangenheit dominierte großspurige Rhetorik – und der Schulterschluss mit vermeintlich starken Partnern. Das Viagogo-Management, allen voran der für die Expansion zuständige Brite Steve Roest, ließ nichts unversucht, um Vertrauen aufzubauen. Vor allem eine im Jahr 2007 geschlossene Partnerschaft mit dem FC Bayern München soll Seriosität suggerieren.

Routiniert reduziert Roest Viagogos Rolle auf die eines zuverlässigen Maklers zwischen Anbieter und Nachfrager: „Unsere Aufgabe ist es, jedes Ticket auf unserer sicheren Plattform zu garantieren“, sagte Roest. „Wir sind so groß, wie wir sind, weil Leute uns lieben und nutzen“, erklärte er in einem JP4-Interview. „Wenn wir keinen guten Service anbieten würden, würden die Leute bei uns nicht kaufen.“ Zu konkreten Zahlen im deutschen Markt macht Viagogo keine Angaben. „Hier entsteht der zurzeit am stärksten wachsende Markt“, sagte Roest im Februar 2013.

DFL will Preisaufschläge im Ticketzweitmarkt ächten

Tickets, Versprechungen, Liebe – der Viagogo-Dreiklang könnte auf dem deutschen Markt bald ein abruptes Ende finden. Im Fußball hat die Stimmung gedreht: Viele Fans haben sich nach einer heftig geführten Debatte um Preistreiberei von der Plattform abgewendet und kooperierende Klubs in Erklärungsnot gebracht.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) plant mit ihren Profiklubs aktuell einen Code of Conduct, der den Weiterverkauf von Tickets über dem Nennwert ächten soll. „Ich bin überzeugt, dass Viagogo mit Vereinen, bei denen der Ticketzweitmarkt eine Rolle spielt, keine glaubwürdigen Partnerschaften mehr abschließen kann“, sagt Schalke-Vorstand Alexander Jobst, der in der neuen DFL-Arbeitsgruppe mitarbeitet.

Namhafte Bundesligisten wie Schalke 04 und der HSV beendeten ihre kurze Geschäftsbeziehung zu Viagogo im Streit, andere Klubs denken laut über einen baldigen Abschied nach – oder gehen als Nicht-Partner wie Borussia Mönchengladbachmit juristischen Mitteln gegen die Plattform vor. Als hätten die Viagogo-Anwälte nicht schon Arbeit genug, rollt nun weiteres Ungemach auf den Marktführer zu. Es würde nicht verwundern, wenn sich das Unternehmen mit der BaFin über die möglichen neuen Erfordernisse austauschte. Ein Konfrontationskurs könnte fatal enden.

Es kommt der Beantragung einer kleinen Banklizenz gleich – Tanja Aschenberg-Florange, Steuerrechtsexpertin  bei Osborne Clarke

Wenn die BaFin den Daumen senkt und eine Erlaubnispflicht feststellt, hat das erhebliche Folgen für den Geschäftsbetrieb eines betroffenen Unternehmens, weiß Tanja Aschenbeck-Florange, Partnerin in der Kanzlei Osborne Clarke. „Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten: Man muss den Geschäftsbetrieb einstellen oder sich in Abstimmung mit der BaFin um eine Erlaubnis bemühen. Dieses Verfahren ist allerdings sehr aufwändig – es kommt der Beantragung einer kleinen Banklizenz gleich“, sagt die Kölner Fachanwältin für Steuerrecht.

Persönlicher Check der bestimmenden Eigentümer

Foto: Osborne Clarke

Nach einer zehnseitigen Checkliste von Osborne Clarke muss ein Erlaubnisantrag für das Finanztransfergeschäft nicht nur eine Budgetplanung samt Planbilanzen für die ersten drei Geschäftsjahre nach dem geänderten Geschäftsmodell enthalten, sondern den Aufsehern auch plausibel machen, mit welchen Systemen, Ressourcen und Verfahren man den aufsichtsrechtlichen Anforderungen zu genügen gedenkt. Es müssten alle Beteiligungsverhältnisse offengelegt werden, auch die bestimmenden Eigentümer müssten sich einem persönlichen Check der BaFin unterwerfen.

Sogar einen Geldwäschebeauftragten müsste ein Zahlungsinstitut im Sinne des ZAG bestellen. „Bei Geldtransfers hat der Antragsteller sicherzustellen, dass vollständige Auftraggeberdatensätze übermittelt werden.“ Das klingt nach Neuland für Viagogo. Gegen die Preisgabe von Händlerdaten hat sich das Unternehmen stets gewehrt.

Für Start-up-Unternehmen komme die Feststellung einer Erlaubnispflicht oft dem Todesstoß gleich, sagt Aschenbeck-Florange, die verschiedene Mandanten in gleichgelagerten Fällen beraten hat. „Auch ein Onlineshop, der fremde Gelder transferiert, muss dann ähnlich wie eine Bank zur Risikoabdeckung laufend erhebliches Eigenkapital vorhalten. Die erforderliche Höhe des Eigenkapitals steigt mit dem Geldvolumen, das man bewegt.“

Verbraucherschutz – auch für den Worst Case

Die strengen Vorgaben der Aufsichtsbehörde dienten dem Verbraucherschutz, erklärt Aschenbeck-Florange: „Ansonsten wären die anvertrauten Fremdgelder ja weg, wenn das Unternehmen vor die Wand fährt und in die Insolvenz geht.“ Übertragen auf den Ticketmarkt könnte der Worst Case heißen: Verkäufer könnten nicht mehr ausbezahlt werden, Käufer würden vergeblich auf die Lieferung ihrer Karten warten – und das Geld wäre verloren. Ein solches Szenario wäre ein kapitaler Fall für Verbraucherschützer.

Erhebliche Berichts- und Transparenzpflichten kämen auch auf Viagogo zu, sollten die Bonner Kontrolleure am bisherigen Businessmodell Anstoß nehmen. Zu den Sicherungsanforderungen nach dem Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz zählt auch die Trennung der Kundengelder. Der Antragssteller muss sicherstellen, dass Geldbeträge, die von Kunden entgegengenommen wurden, zu keinem Zeitpunkt mit Geldern anderer Personen vermischt werden, heißt es in der Checkliste von Osborne Clarke. Spätestens nach einem Tag müssen sie auf einem offenen Treuhandkonto bei einem Kreditinstitut hinterlegt werden. Und sie müssen von den übrigen Vermögenswerten des Antragstellers getrennt werden.

Ein konfrontatives Vorgehen gegen ein BaFin-Verdikt kommt einem Kampf gegen Windmühlen gleich. „Ein Klageverfahren hat keine aufschiebende Wirkung. Und durch den Zeitablauf eines verwaltungsgerichtlichen Verfahrens hätte sich das Geschäftsmodell in der Regel erledigt“, sagt Aschenbeck-Florange.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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