Deutschland rüstet sich für die Smartphone-WM

Die Fußball-WM als digitales Großereignis: Innovationen spielen sich nicht mehr im TV ab, sondern auf Smartphone und Tablet. Noch bremsen rechtliche Fesseln.

Quelle: DFB

Oliver Bierhoff, Markenbotschafter des Softwarekonzerns SAP, lässt sich von Berichten über Internet-Löcher und Stromengpässe in Brasilien nicht beirren. Sein Credo: Die Fußball-WM wird so digital wie nie. „Wir werden direkt nach Abpfiff die Spieldaten interessant für die Spieler aufbereiten“, sagt Bierhoff, hauptberuflich Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. „Faster, smarter, better“ wolle er die Analysen auf dem Tablet sehen – für Bierhoff ein Wettbewerbsvorteil, der bei der Mission WM-Sieg helfen soll. Wie die angekündigten rechenintensiven Big-Data-Analysen im brasilianischen Hinterland konkret gestemmt werden, bleibt vorerst offen.

Sicher dagegen ist: Im Mannschaftslager Campo Bahia, das gerade noch gebaut wird, müssen Götze, Özil & Schweini ab Mitte Juni öfter mal auf ihr Smartphone schauen. Um einen ungestörten privaten Chat zwischen Mannschaft und Betreuerstab zu ermöglichen, hat nach Bierhoffs Angaben wiederum SAP ein „nettes Kommunikationstool“ gebastelt. „Es hilft uns, über iPhone und iPad mit den Spielern zu kommunizieren.“

Wurde Jens Lehmann für das WM-Viertelfinale 2006 noch ein Spickzettel fürs Elfmeterschießen geschrieben, kann Torwarttrainer Andreas Köpke heute Manuel Neuer per Smartphone briefen. Nur, dass ein Handy im Stutzen stören würde.

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Die neue Lust am Digitalen teilt Bierhoff mit den deutschen Fußballfans. Die mediale Inszenierung der Fußball-Weltmeisterschaft wird mehr denn je im Internet stattfinden. Der große Kick in Brasilien wird in Deutschland, auch bedingt durch die Zeitverschiebung um fünf Stunden, zum Digitalereignis in ganz neuer Dimension. Auf Mobilfunkanbieter rollt ein Traffic-Berg zu – insbesondere in den Public-Viewing-Zonen werden die Funkzellen unter Höchstlast stehen.

Für Anwendungsszenarien geht den Sendern und Providern die Phantasie nicht aus: Zum Müsli am Frühstückstisch schaut der digitale Fußballfan die Highlight-Clips der nächtlichen Spiele. Unterwegs im Zug vertreibt der Stream aus der ZDF-Mediathek oder der Sportschau-App die Langeweile. Und parallel zum Live-Spielkonsum im TV liegt der „Second Screen“ auf dem Schoß – bestens geeignet für vertiefende Statistiken, ganz neue Kameraperspektiven oder das Abschießen eigener Kurzkommentare ins Netz. Vor allem die junge Zielgruppe verfolgt die WM mit Vorliebe via Smartphone und Tablet.

Die steigende Relevanz digitaler Bildschirme in Zusammenhang mit Sportmedien belegt eine aktuelle Studie von Interactive Media, einer Beratungstochter der Deutschen Telekom. Danach nutzen schon 82 Prozent der 14- bis 29-Jährigen beim Sportkonsum mindestens zwei Bildschirme parallel.

Ultra-HD wird kaum sichtbar

In früheren Jahren war die Fußball-Weltmeisterschaft stets ein Highlight für die Geräteindustrie – sie hob das Fernsehen auf immer neue Evolutionsstufen und pushte die Verkaufszahlen. Die WM 1974 brachte den Durchbruch für das Farbfernsehen, zur WM 2006 entrümpelten viele ihre Röhrengeräte und stiegen auf Flachbildschirme um. Die WM 2010 in Südafrika verhieß besondere Schärfe durch HDTV – doch schon die 3D-Technik, damals von Sony und dem Weltfußballverband Fifa als nächstes großes Ding angekündigt, floppte.

Ob die Fans in diesem Sommer begeistert vom neuen „Ultra-HD“ schwärmen werden, wie von Sony und Fifa erhofft, ist ebenfalls eher unwahrscheinlich. Drei Spiele werden in der aufwendigen Technik produziert, darunter das Finale, doch unklar ist bisher, ob das Signal in Deutschland in UHD überhaupt ausgestrahlt wird.

Als Schrittmacher der klassischen TV-Industrie wird die WM vielleicht ausfallen. Dafür setzt sie umso stärkere Impulse im Internet. 29 der 64 WM-Spiele werden erst um 22 Uhr deutscher Zeit oder später angepfiffen. Laut Interactive-Studie sinkt zwar generell die Nutzungswahrscheinlichkeit der Internet-Screens mit der Uhrzeit – nur bis etwa 18 Uhr dominieren die digitalen Screens. Aber es ist bei späten Anpfiffzeiten davon auszugehen, dass sich der WM-Konsum auf den nächsten Morgen verlagert.

Die beiden Sender ARD und ZDF, die sich die WM-Übertragungsrechte teilen, fahren stärker als in Südafrika eine Digitalstrategie, beschreiten dabei aber unterschiedliche Wege. Auf eine gemeinsame WM-App konnten sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht einigen. Die ARD lässt eine eigene Sportschau WM-App für Tabletcomputer und Smartphones programmieren, die ab 1. Juni verfügbar sein soll. Sie wird – zumindest für die ARD-Spiele – die zentrale Anlaufstelle für Bewegtbilder im Netz werden. Hinzu kommen viele Social-Media-Features, Ticker und On-Demand-Videos.

Per App in die Mediathek

Das ZDF verzichtet auf eine ereignisbezogene App, die nach dem Event wieder gelöscht wird, sondern will mit der WM der hauseigenen Mediathek zu mehr Bekanntheit verhelfen. Diese ist mit Smartphones kostenlos ansteuerbar, unter anderem über die Mediathek-App des ZDF. Einige Extras dürfen Fußball-Fanatiker dort erwarten, verspricht Stefan Baur, der zuständige Projektleiter Online. So kann man ein Spiel im sogenannten „Taktik-Blick“ auf einem Laptop oder Tablet-PC parallel laufen lassen. Diese Einstellung entspricht einer klassischen Zuschauerperspektive im Stadion. „Das Live-Bild erscheint hier ungeschnitten, unkommentiert und aus der starren, hohen Hintertor-Perspektive. Man sieht in dieser Totalen noch besser als im geschnittenen TV-Bild, wie zum Beispiel Einwechslungen zu taktischen Verschiebungen führen“, erklärt Baur.

Ein weiteres Gimmick für Freunde des zweiten Bildschirms ist der „Myview“-Bereich in der Mediathek, den es ähnlich in der ARD-App auch geben soll. „Wenn etwa Podolski ein Tor schießt, kann man es hier anschließend aus zehn bis zwölf verschiedenen Kameraperspektiven, die der Nutzer frei wählen kann, nochmals anschauen“, sagt Baur. Diese individuelle Sicht auf das Spielfeld geht weit über üblichen TV-Konsum hinaus – man wird zum Regisseur mit Zugriff auf die im Stadion installierten Kameras und sieht so Bilder, die es gar nicht ins Fernsehen schaffen.

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Etwas Geduld muss man allerdings haben, bevor man den Perspektivwechsel ausprobieren kann. „Wir rechnen nach einer Spielszene mit fünf bis acht Minuten Verzögerung“, sagt Baur. In einem Fußballspiel kann in dieser Zeit viel passieren.

Auch unterhaltsame Randinfos mit konkretem Spielbezug will man in der ZDF-Mediathek im Netz parallel zu einem Spiel im Bewegtbild anbieten – dafür wird eine „Web-Tribüne“ gezimmert, wie sie schon in der Champions League zum Einsatz kam. Denkbares Beispiel: Bekommt ein Trainer eine Rote Karte, suchen die Mitarbeiter schnell ein Videointerview mit dem Sünder, das gedreht wurde, als er schon mal als junger Spieler Rot sah. Wer das alles weggucken soll, muss sich noch zeigen.

Alle Spiele, alle Tore auch zeitversetzt im Netz ansehen – dieses Versprechen geben ARD und ZDF ab. Doch der Teufel steckt im Kleingedruckten. So müssen ausgerechnet die Spiele der deutschen Mannschaft und unter anderem das Finale – mithin die eigentlichen Kracher – nach nur 24 Stunden wieder aus der Mediathek der Sender wieder entfernt werden. Grund ist der Rundfunkänderungsstaatsvertrag, den die Zeitungsverleger in Deutschland erstritten haben. Alle anderen WM-Spiele haben in voller Länge eine Verweildauer von sieben Tagen.

Das Phänomen kennen die Netzpioniere zur Genüge: Längst nicht jedes Feature, das Fans Spaß machen würde und das technisch auch möglich wäre, darf realisiert werden. Rechtliche Einschränkungen blocken manche Angebote aus oder schränken sie zumindest ein. Die Bundesliga-Klubs, die ihr Stadion mit WLan ausleuchten lassen, um die technische Infrastruktur für das total vernetzte Stadion und ein ganz neues Fanerlebnis zu schaffen, dürfen aufgrund der Ligastatuten eines nicht tun: Zeitlupen des aktuellen Spiels auf die Smartphones der Fans senden. Tor oder nicht Tor, Foul oder nicht? Antworten auf die am meisten interessierenden Fragen bleiben unter Verschluss.

Weg vom Couch-TV

Auch die Telekom-Unternehmen wollen vom Trend profitieren, dass sich das Medienerlebnis Fußball immer stärker vom Couch-TV entkoppelt. Der Sport als treibender Faktor, sich für bestimmte Verträge oder Produktbundles zu entscheiden – das Thema bewegt allen voran die Deutsche Telekom. Sie wird Ende April ihr WM-bezogenes Marketing starten – als Sponsor des Deutschen Fußball-Bundes hat sie dazu das Recht, anders als Vodafone oder Unitymedia, von denen bestenfalls Ambush-Marketing zu erwarten ist.

Bereits in dieser Woche hat die Telekom ihrer TV-Plattform „Entertain“ Beine gemacht. Nun ist es den über zwei Millionen Entertain-Kunden erstmals möglich, 40 ausgewählte Sender auch außerhalb der eigenen vier Wände („to go“) zu sehen, etwa auf Smartphones oder Tablets. Bisher konnten sie dies nur im heimischen Netzwerk tun – jetzt auch im Biergarten über Mobilfunk, in allen WLan-Netzen der Telekom oder Hot Spots des Magenta-Konzerns, etwa in Zügen oder an Flughäfen. Aufpreis: fünf Euro im Monat.

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Auch in puncto Entertain to go ist jedoch erst der Anfang gemacht – ausgereizt ist das Thema nicht. Der mobile Zugriff auf die Aufnahmen der heimischen Entertain-Festplatte wäre ein Hit für Sportfans, noch heißt es aber: Fehlanzeige. „Das ist unser nächster Schritt“, kündigt ein Telekom-Sprecher im Gespräch mit dem Wall Street Journal Deutschland an. „Technisch wäre es nicht das Problem, doch juristisch ist es ein dickes Brett.“ Man arbeite derzeit komplizierte lizenzrechtliche Themen ab, um die Videothek in der Hosentasche zu ermöglichen. Auf einen Zeithorizont will man sich bei der Telekom nicht festlegen. Ein Grund: „Wir können das Problem nicht alleine lösen.

Für einen WM-Fan, der auch mobil kein Spiel verpassen will, würde es sich ohnehin nicht lohnen, dafür Entertain to go zu buchen. Ebenso einfach und zuverlässig kann er die ARD- und ZDF-Angebote direkt im mobilen Internet ansteuern, 3G genügt – ganz gleich bei welchem Netzdienstleister.

Der Flaschenhals bleibt freilich die Funkzelle, die man sich mit anderen teilt: Beim Public Viewing wird man sich vermutlich fühlen wie jemand, der zu Silvester eine SMS verschicken will. Der gelobte Second Screen verschwindet dann schnell wieder in der Jacke.

Thomas Mersch und Stefan Merx für das Wall Street Journal Deutschland

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