Querlesen mit Holzi

50+1 ist ehrenwert – aber überholt. Wer das Geld gibt, bestimmt auch. Die Liga sollte daher schon Minderheitsbeteiligungen kontrollieren. Erst recht, wenn sie sich auf mehrere konkurrierende Klubs erstrecken.

Derzeit ist viel vom Geist der 50+1-Regel die Rede. Was darf man sich darunter vorstellen?

Als Kapitalgesellschaften für die Lizenzabteilungen von Fußballklubs zugelassen wurden, wollte man verhindern, dass diese von einem einzigen Gesellschafter abhängen. Dazu wurde die 50+1-Regel beschlossen. Wenn man nunmehr auch im Zusammenhang mit eingetragenen Vereinen ebenfalls  vom „Geist der 50+1-Regel“ spricht, dann soll dieser Grundsatz wohl auch für diese Rechtsform gelten. Ob dies allerdings so ohne Anpassung der Statuten möglich ist, kann man füglich bezweifeln.

Erst hat man Werkklubs wie Leverkusen und Wolfsburg zugelassen, dann Investoren um Martin Kind in Hannover erlaubt, einen Klub nach 20 Jahren ganz zu übernehmen. Jetzt hat RB Leipzig, wo Red Bull das Geld gibt und bestimmt, die Lizenz erhalten. Ist die 50+1-Regel nicht längst ausgehöhlt?

Ich glaube, dass insbesondere der Vergleich mit Bayer 04 Leverkusen hier nicht angebracht ist, weil die Bayer AG den Sport – nicht nur den Fußball – über viele Jahre nachhaltig unterstützt hat und dies auch weiterhin wohl macht.

Die 50+1-Regel hat viel Gutes bewirkt, aber sie muss weiterentwickelt werden. Sie ist sicher ehrenwert – wird aber durch die zwischenzeitlich vorherrschenden Fakten überholt. Nach dem Motto, wer die Musik bezahlt, bestimmt auch, was gespielt wird. Und da sind auch 49 % ein gewaltiger Blockbuster.

Ich glaube vielmehr, dass es besser wäre, auch kleinere Beteiligungen, insbesondere dann, wenn diese sich auf zwei oder mehr Vereine erstrecken, die im Wettbewerb zueinander stehen, zu kontrollieren und zu steuern. Dabei sollte es nicht darauf ankommen, dem Fußball die Mittel vorzuenthalten, sonst würden Kreativität und Innovation eingeschränkt. Der Geldgeber müsste seine Mittel langfristig und ohne den Klub zu belasten zur Verfügung stellen. Also nicht, wie es etwa bei Manchester United geschehen ist, indem der Kaufpreis dem Klub vom Käufer als Schulden aufgebürdet wurde. Zudem muss sichergestellt sein, dass der Investor sich nicht in sportliche Fragen einmischt, um Gefahren für den Wettbewerb auszuschließen.

Wie soll das gelingen?

Das lässt sich über vertragliche Vereinbarungen sicherstellen, die gegenüber dem Verband offenzulegen sind und so nachvollziehbar werden. In diesen Verträgen muss festgehalten sein, welche Einflussmöglichkeiten der Geldgeber oder Anteilseigner hat. Wichtig ist das vor allem, wenn ein Unternehmen bei mehreren Klubs engagiert ist. Eine solche horizontale Beteiligung sehe ich als gefährlicher an als ein Engagement bei nur einem Klub. Da muss ausgeschlossen werden, dass es zu Interessenkonflikten kommt. Es gilt hier, dem Anschein einer möglichen Wettbewerbsverzerrung vorzubeugen.

Eine 50+1-Reform sollte sich am Grundgedanken des Financial Fair Play orientieren. – Wolfgang Holzhäuser

Muss man das Engagement von VW kritisch sehen? Dem Klub gehört der Erstligist VfL Wolfsburg, zudem hält die Tochter Audi Beteiligungen am FC Bayern München und dem FC Ingolstadt.

Das denke ich nicht. In Ingolstadt etwa hat die Beteiligung einen klar regionalen Fokus, das zielt auf den Standort. Bei den Bayern ist das Engagement viel globaler ausgerichtet. Hier geht es um internationale Sichtbarkeit. Und ein Einfluss auf sportliche Fragen lässt sich meiner Ansicht nach ausschließen. Im Hinblick auf eine Weiterentwicklung der 50+1-Regel heißt das: Es sollte möglich sein, gegenüber den Kontrollinstanzen offenzulegen, welche Summen investiert wurden und worin genau die Gegenleistung besteht. Bei VW und Audi geht es ganz offensichtlich um die Stärkung der Marken. Die Frage nach einer Reform der „50+1 Regelung“ sollte sich mehr am Grundgedanken des „Financial Fair Play“ orientieren, wonach Leistung und Gegenleistung exakt definiert und in langfristigen Verträgen niedergelegt werden soll. Der Fall RB Leipzig macht deutlich, dass sich die Dinge verschieben und eine signifikante Flexibilität angebracht ist.

Aber Audi ist in Ingolstadt auch Hauptsponsor und macht Bandenwerbung. Dem Unternehmen gehört sogar das Stadion. Droht da nicht immer auch eine Entwicklung wie bei Bayer Uerdingen? Der von Bayer geförderte einstige Europapokalsieger verschwand aus dem Profifußball, nachdem das Fußballengagement vom Unternehmen auf Leverkusen konzentriert und der Geldhahn zugedreht wurde.

Ich wiederhole gerne, dass die Interessenslage in Ingolstadt regional, dagegen in München mehr global zu sehen ist.

Und die Konzentration der sportlichen Aktivitäten der Bayer AG in den jeweiligen von ihr geförderten Sportarten auf jeweils einen Standort entspricht genau dem Gedanken, dass sich Leistung und Gegenleistung betriebswirtschaftlich nachvollziehbar darstellen sollten. Es macht eben wenig Sinn, die finanziellen Zuwendungen in einem Konzern auf mehrere Fußballklubs zu verteilen. Die Bündelung auf einen Klub hat sich dann auch in den Erfolgen von Bayer 04 niedergeschlagen.

1899 Hoffenheim verdankt seinen Aufstieg den Millionen von Dietmar Hopp. Er hat nur 49 Prozent der Stimmrechte – aber wird man dort gegen seinen Willen etwas durchsetzen können?

Es geht vor allem darum, dass das Geld nachhaltig zur Verfügung stehen muss. Faktisch wird es immer wieder bei der Entscheidung des Geldgebers bleiben. Wer das Geld gibt, bestimmt auch, wo es lang geht. Das gilt aber nicht nur für Kapitalgesellschaften und nicht einmal nur für Mäzene. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass bei Schalke 04 eine wichtige Entscheidung ohne das Einverständnis von Clemens Tönnies gefällt wird, dem Chef des Aufsichtsrats. So lange der sportliche Wettbewerb im Einzelfall davon nicht berührt wird, ist das auch nicht schlimm.

Wolfgang Holzhäuser ist Mitglied des Gesellschafterausschusses und ehemaliger Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen.

Die Fragen stellte Thomas Mersch.

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